Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 81.1931

Page: 56
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kuh1931/0108
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
56

Creative Hands

No.735

The Towns of Bavaria—their vohety and charms Prof. Dr. Hans Karlinger

Probably very few countries of its size contain so many old
and interesting towns and cities as the State of Bavaria. They
are linked up with one another by excellent rail and road
Communications and a tour which includes a Visit to the
best known of them can be made with a maximum of con-
venience.

What gives the Bavarian towns a peculiar charm is their
varied aspect and character. Religious, social and economic
influences have differentiated them sometimes to an almost
unparalleled degree. These contrasts so delightful to the
tourist are explained by the country's history.
The average Englishman or American thinks of Bavaria as
being a natural as well as a political unit, and thinks of the
Bavarians as if they were one race and description of
people; but the fact is that the Bavarians include several
different races, and that the temperament and manners and
customs of the Munich townsman in the sunny south, for
example, and the Nürnberg industrial worker form a con-
trast as great as that of members of two seperate nations.
The racial differences in Bavaria are quite marked; there
is the Bavarian proper, the Swabian and the Frank. Then,
again, think of the geographica! differences in Bavaria—the
Mountains in the south, the great Bavarian forest in the

east, the gentle undulating slopes of the Main Valley and
its tributaries and the rieh wine-growing Rhine country of
the Palatinate; all these factors exert their influence on the
inhabitants and the towns which they create.
It is especially interesting to observe how geological and
economical conditions affect the architectural aspect of the
Bavarian towns. In the well-timbered regions of the south
wooden roofs are a characteristic feature, whereas the
prevalence 'of sand-stone edifices in Franconia is the
direct result of the rieh stores of this mineral embedded
in these hills.

Note again the part played in the aspect and the atmosphere
of other towns by such varying factors as commerce, religion
and war. Munich, Augsburg, Speyer and a dozen other
Bavarian cities were central points in the Reformation and
the Thirty years' war, and bear marked and lasting trasce
of these stirring times. The more important Bavarian towns
are a history of Europe written in stone; but if we ignore
the history of these places for a moment and consider them
merely as health- and pleasure-resorts, we shall find the
same delightful variety, as will be readily seen from the
brief descriptions of Bavarian towns and cities given in the
following pages.

Alte Städtebilder in Boyern

Städte spiegeln das Gesicht eines Landes — heute noch.
Mag sein, daß in einem Jahrhundert der Rhythmus der Kraft-
ströme und damit der geformten Welt ein anderer sein wird.
Einstweilen empfangen die Länder von ihren Stadtbildern her
noch stärkste Färbung und plastisches Gepräge. Die Stadt
eines Agrarlandes ist stiller, geschlossener, ist enger dem
Boden verhaftet, wie das kühnere Gebilde eines Territoriums
der Industrie. Binnenlandstädte besitzen eine geruhsame
Erscheinung, verglichen mit dem lebendigen Tempo von
Seestädten.

Dazu kommt die bald sanft formende, bald gewaltsam ge-
staltende Hand der Geschichte. Seitab von den Völkerstraßen
der großen geschichtlichen Vorgänge der Vergangenheit
decken abgelegene Wege noch bisweilen einen Winkel, wo
die Zeit stille zu stehen scheint, wo des Mittelalters patri-
archalisches Handwerk um Mauer und Turm gelagert noch
träumend ruht. Mächtig schwillt pulsierendes Leben dagegen
inmitten der Ströme des Verkehrs.

Der politische Staat Bayern wuchs im Lauf der letzten Jahr-
hunderte aus Länderteilen, in denen drei der ältesten deutschen
Stämme sitzen: die Bayern, die Franken, die Schwaben. Die
Bayern im südöstlichen Winkel, zwischen Donau und Gebirg —
ein kleiner Überrest des großen Lebensraumes zwischen Lech
und Leitha trägt heute noch den Namen Bayernland im Sinn
einer Stammesgeschichte. Nächst verwandt durch Art und
Schicksal lagert das bayerische Schwaben südlich der Donau
westlich vom Lech, dem ältesten der Grenzflüsse, einer Völker-
scheide seit römischer Zeit.

Nordwärts der Donau reicht mainfränkisches Land mit
spitzem Keil südlich bis zur alten Bischofsstadt Eichstätt.
Wer die Frankengrenze erwandern wollte, müßte von dort
ostwärts über Nürnberg nach Bayreuth, westwärts längs
der alten Reichsstädte Dinkelsbühl und Rothenburg gen
Würzburg ziehen.

Mit der alten „Pfalz am Rhein" greift Bayern auf den rhein-

'of. Dr. Hans Karlinger

fränkischen Boden hinüber; im Gebiet der Landschaftsgrenzen
zwischen Alamannen und Rheinfranken — diesen nächst ver-
wandt — liegt die Rheinpfalz, umgürtend die Kaiser- und
Bischofsstadt Speyer.

Mannigfach, wie stammliche Art und wechselvolle geschicht-
liche Fügungen es wollten, ist das Stadtbild dieser Länder.
Die altbayerische Stadt hat seit ältesten Zeiten viel aus dem
unmittelbaren Austausch mit dem Süden auf dem Vermittlungs-
weg der Alpenländer in sich aufgenommen: Steinbau, Putz-
wand und das mächtige Balkengefüge des echten alpen-
ländischen Gehöfts haben andere Formen, verraten andere
Wohnkultur, wie die Frankenländer. Schwäbisches Bauwerk ist
von bayerischem nichtallzu entfernt, kennt aber Formelemente
fränkischer Bauweise, die in Altbayern fehlen, z. B. den Fach-
werkbau. Im Frankenland aber sind nicht bloß Dach und
Giebel steiler wie die behäbigen Formen Altbayerns; Frankens
Architektur ist feingliedriger, ist lebhafter, wie die gelassene
Schwere altbayerischer Blöcke. Es ist geschichtlich kaum Zufall,
daß die alten freien Reichsstädte auf fränkischem Boden
stehen; Handelsgeist und Hang zur Geselligkeit sind Zeichen
fränkischen Blutes ebenso, wie für den Altbayern der Hang
zur Einzelsiedlung durch alte Spruchweisheit bis tief ins
Mittelalter verbürgt ist.

Die umwälzende Geschichte des Industriejahrhunderts —
des 19. — hat in dem Agrarstaat Bayern nicht in dem Maße
umformend eingegriffen,wie im Kohlengebietdes Niederrheins
oder in manchen mitteldeutschen Landschaften. So konnte dort
die Gesinnung gegenüber dem Werk der Vergangenheit
stärker wach bleiben — kein Tempo fordernder Industrien
bestritt dem Gewachsenen den Lebensraum. Und die aus
solchen Voraussetzungen sprießende Bescheidung der Lebens-
haltungen hält das Vergangene länger lebensfähig, wie der
anspruchsvollere Geist eines Industrielandes. All dieses wäre
ins Auge zu fassen, wenn man Bayern als ein „Land der alten
Städtebilder" richtig erleben will.
loading ...