Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 21.1886

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2s. Iahrgang.

Nr. 8.

Aunstchronik

j885/86. « ^ Z. Dezember.

Wochenschrift sür Runst und Runstgewerbe.

Ankündigungsblatt des Verbandes der deutschen Aunstgewerbevereine.

^erausgeber:

Larl v. Lützow uud Arthur jDabst

wicn Berlin. rv.

Lxpeditio»:

Leixzig: E. A. Seemann, Gartenstr. zs. Berlin: w. ls. Kühl, Iägerstr. 7Z.

gnhalt: Zum siebzigsten (Zeburtstage Adolf Ulenzels.— Vom Lhristmarkt. I. — Iii. lVliint?, l^otice sur un plnn in66it Nome; Die ^tädtische
Geinäldegalerie in Harlem; N. Dohme, Aunst und Aünstler der erften L)älfte des X9- ^ahrh.; Lübke's Geschichte der Nenaissanee in
Frankreich; Libliotbecjue internationnle cle 1'^rt; Neue Blätter des weimarischen Radirvereins. — Nachricht über den kaiserl. Hofmaler
gohann von Ach; Das Grabmal der b)erzöge von Mrl^ans in St. Denis. — Areisaufgabe des Nereins zur Beförderung des Gewerbefleißes
in Berlin; j)reisausschreiben des Dresdener Aunstgewerbevereins; Aus den französischen Staatsmanufakturen.— L). Otte.— Runstoerein
zu j)osen; Aaiserslautern: j)fälzisches Gewerbemuseum. — Dresden: Ein Gemälde von Rubens; Gin „neuer Raffael" ; Die Louvregalerie ;
Reichenberg i./B.: Gewerbemuseum. — Goldähnliche Legirung; Aitt; Rünstlicher Modellirthon; versilberungsflüssigkeit; Zinkdekoration;
Goldähnliche Färbung von Messing. — Lutherdenkmal für Berlin; Die königl. L)ofglasmalanstalt von F. ^av. Zettler in München;
Thorwaldsens Grazien. — Die versteigerung der Sammlungen Artaria, j)olitzer und Sterne; wiener Aunstauktion von T. I. Wawra. —
Zeitschriften. — Lingesandt. — Inserate.

Zun: siebzigsten Geburtstage Adolf Menzels.

Der Meister, der am 8. Dczember seinen sieb-
zigsten Geburtstag feiert, blickt nicht auf eine Thätigkeit
znrück, welche abgeschloffen vor uns liegt und von der
keine weitdren Frnchte mehr zu erwarten sind. Es ist
keine leere Phrase, kein wohltönendes, aber hohles
Kompliment zum frohen Feste, wenn man von
einem Künstler, der noch crst vor zwei Jahren einem
neuen Stoffgcbiete cin so lebensfrisches, von Ge-
staltungskraft überquellendes Bild wie den „Gemüse-
markt zu Verona" abgewann, der noch im vorigen
Jahre jene von Geist und Laune übersprudelnde
Maskenstudie vom Aschermittwochsmorgeu schuf, wenn
man von einem solchen Künstlcr sagt, daß er im Zenith
seiner Kraft steht. Wir haben mit wachsendcm Staunen
gesehen, wie Mcnzel gcrade in den letzten sünfzehn
Jahrc», also in ciner Zeit, die andere Künstler gleichen
Alters Vvn dem cinmal erklommcnen Gipfel hcrab-
steigen sieht, die mannigfachen Kräfte seines Geistes
mit jugendlicher Encrgie zusammenfaßte und sein male-
risches Können, die Art zu sehen und zu charakteri-
siren zu jener künstlerischen Ausdruckssorm gestaltete,
die man erst als den eigentlichen Menzelstil in seiner
ganzen Universalität bezeichnen kann. Jedes dieser
Werke, in denen der K olorismus unserer Zeit zu seiner
höchsten Leistungssähigkeit gelaügt ist, war ein Ercig-
nis, von welchem diese Blätter getreulich Akt genom-
men haben. Es ist sicherlich auch ein Zeugnis für
die Bedeutung des Mannes, daß sich die Mitarbeiter

dieser Blätter, wie entgegengesetzt auch ihre Kunst-
anschauungen sonst gewesen sein mögen, stets im Lobe
Menzels gleichsam wie auf einem neutralen Gebiete
zusammengefunden haben. Man flüchtet sich nicht bloß
in das Reich des Jdeals, um den Misören der All-
täglichkeit zu entgeheu, auch unter dem Banner der
Wahrheit giebt es einen Platz, ein schützendes Asyl, in
welchem nian Ruhe und Befreiung der Seele von den
störenden Schlacken des Daseins findet.

Menzel ist ein solcher Bannerträger der Wahr--
heit. Wenn cr hcute auf eine von einer sieberhaften
Thätigkeit ausgefüllte Künstlerlaufbahn von zweiund-
fünfzig Jahren zurückblickt — sein erstes, seine Eigen-
art kennzeichnendcs Werk entstand 1833 —, dann dars
er mit Stolz von sich sagen, daß er sich niemals un-
treu gewordeu, daß er mit zäher, durch keine Schläge
des Schicksals cingeschüchterter Beharrlichkeit auf dem-
selben geraden Wcge, der znr Wahrheit führt, vor-
wärts geschritten ist. Soweit es cinem irdisch Ge-
borenen vergönnt ist, die Wahrheit zu schauen, hat
Menzel sie gesehen, erkannt und bekannt. Ein gnädiges
Geschick hat cs ihm erspart, dcr Märtyrer seiner
Überzeugung zu werden. Seit zwanzig Jahren ist
Menzel dcr Gcgenstand allgcmcincr, begeisterter Ver-
chrnng, welche weit über die Grcnzen seines Vater-
landcs hinausreicht. Die überzcngende Krast seines
Genies hat sclbst dic hcftigstcn nationalen Antipa-
thien besiegt, und in der Stadt, in welcher er lebt,
stört kein Künstlerneid dic stillcn Krcise seines be-
schaulichen Daseins. Er ist der Meister schlechthin,
und mit freudigem Stolz weist jedermann auf den
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