Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 21.1886

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Ausstellung farbiger und getönter Bildwerke in der Berliner Nationalgalerie

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August Sauer, der bekannte österreichische Germa-
nist, lenkt unsere Blicke von Goethe nicht allzu weit vom
Wege ab auf seine Frauenbilder aus der Blüte-
zeit der dcutschen Litteratur ^). Die Ergauzung
des Wortes durch das Bildnis ist hier mehr als anders-
wo am Orte, da gerade das Beste, was diesen Frauen
eigen ist, welche auf das Leben und die Schöpfungen
unserer Dichter bestimmenden Einfluß geübt haben oder
selbst als Schriststellerinnen aufgetreten fiud, im Um-
gange, im Gespräch, in der Gesellschaft von ihnen
dahingegeben wurde. Jn der That vermag uns
die Betrachtung der wohl getrvffenen historisch be-
glaubigten Porträts, im Verein mit Sauers Schilde-
ruugen, in die Fülle vergangenen Lebens einzuführen
und sie einigermaßen nachempfinden zu lassen. Mit
Ausnahme des Bildes vvn Meta Klopstock siud allc
Porträts unmittelbar nach den betreffenden Ori-
ginalen wiedergegeben worden. Wir finden in der
Sammlnng: Eva Königs Bild, dasselbe, welchcs sic
im Sommer 1772 aus Wien an Lessing sandte; jetzt
ist es im Besitz ihres Urenkels, des Herrn Pros. W.
Henneberg in Göttingen. Ferner „Molly", nach dem
ini Besitz ihrer Enkelin, des Fräulein Fr. BUrger in
Leipzig, befindlichen Pastellbilde, Karoline Herder,
Charlotte von Kalb, Lotte Schiller, sowie Karvline
Schelling, die Witwe August Wilhelm Schlcgels, nach
Tischbeins Ölgemälden, Rahel und Bettina nack Hen-
sels Bleistiftzeichnungen, Henriette Herz, die Freundin
Schleiermachers, nach einer Bleistiftzeichnung von
A. Graff im königl. Kupferstichkabinett zu Dresden,
Charlotte von Stein nach der bekannten Silberstift-
zeichnung im Besitz ihres Urenkels, des Freiherrn von
Slein-Kochberg, Corona Schröter, nach dem Pastell-
gemälde in der großherzogl. Bibliothek zu Weimar,
welches von ihrer eigenen Hand herrühren soll; endlich
die Herzogin Anna Amalia, die Mntter, und die Her-
zogin Luise, die Gemahlin von Karl August, nach den
Schellhornschen Elfenbeingemälden im Wittumspalais
zu Wcimar. Die Ausstattung des Werkes zeichnet
sich durch altertümlicheu Druck, dessen Wirkung durch
eingefügte Miniaturen noch gehoben wird, sowie durch
seine Einbanddecke aus, welche nach einem Muster des
17. Jahrhunderts hergestellt worden ist.

Wie die Fabel in der Schlußmoral ausklingt, wie
das Konkrete zum Abstrakten hinüberleitet, so reiht sich
an die soeben erwähnte Sammlung von Bildnissen
herrvorragender Frauengestalten vr. Rudolf von Gott-
schalls Deutsches Frauenalbum in Wort und
Bild^), welches das Ewigweibliche, das Lebeu, Waltcn

t) Leipzig, Adolf Titze.

2) Zweite Auslage. Mit 7 Vollbildern von C. Karger
und H. Kaulbach und 6 Vignetten von C. Karger und
F. Stuck. Leipzig, G. Hoesler.

und Wirken des Weibes im Liede feiert. Das Ganze
gruppirt sich zu sechs Abschnitten: Kindheit, Jugend,
Schönheit; Liebe; Braut und Gattin; Frauengestaltens
die Mutter; und am Grabe. Dic Dichternamen,
welche uns auf diesen Blättern begegnen, gehören zu-
meist der Gegenwart, wenn auch fast ausschließlich der
älteren Generation, an. Währeud H. Kaulbachs Ge-
mälde zu „Jungfrau Florenz" von Kugler, zu Scheren-
bergs „Woher?" nnd Gottfried Kellers Vision den
Hang zum Lyrischen, zum eigentlicheu Genrebilde auss
deutlichste bekunden, führt uns C. Kargers aristokra-
tisch-klassischer Griffel fast nur tragische Stoffe vor
Augen, wie die Blätter zu Gottschalls Lucile Demoulins,
zu Annctte Droste-Hülshoffs „Juuger Mutter" uud
zu H. Hopfens „Traurige Weihnachten" von neuem
beweisen; selbst zu Gottschalls Gedicht „Marie" zeich-
net er Gestalten, die uns unwillkürlich an seine geist-
reichcn Jllustrationen zu Goethe's Clavigo erinneru;
und hätten wir nicht im Vorjahre nvch sein „Schab-
kunstblatt, Mimische Ode an Mäccnasinus" zu Gesicht
bekommen, wir wären der Überzeugung, daß ihm das
heitere Element der Kunst vollständig fern läge. Schade,
daß auch auf diesen Tlättern die Gelecktheit der Licht-
drucke der Wirkung Eintrag thut. Die Einbanddecke
des vornehm ausgestatteten Werkes ist nach einem
alten Muster von F. Florian in Leipzig ausgeführt.

Ausstellung sarbiger uud getönter Bildwerke
in der Berliner Nationalgalerie.

I.

Schon lange bevor vr. Treu seine Broschüre,
„Sollen wir unsere Statuen bemalen?" (Berlin 1884),
herausgegeben hatte, war die Frage, ob die Erzeug-
nisse der plastischen Kunst im weitesten Sinne ein- oder
mehrfarbig zu halten sind, in dem Kreise der für das
Kunstgewerbe thätigen Künstler und Fabrikanten der
Gegenstand lebhafter und eingehender Beschäftigung
gewesen. Der ungefähr mit dem Jahre 1871 anhebende
Ausschwung des Kunstgewerbes in Deutschland war nicht
bloß auf die praktische Verwertung neuer Kunstformeu
beschränkt, sondern die Farbe spielte auch sehr wesent-
lich mit, um eine Reaktion gegen das alte System
herbeizuführen. Die Farblosigkeit oder richtiger die
spärliche Anwendung von Farben an plastischen Gegen-
ständen hängt mit der Entwickelung der neuklassischen
Architektur durch Schinkel und Klenze eng zusammen.
Bei Schinkel war es aber weniger der Mangel an
Farbeusinn — denn er war, wie jedermann weiß,
zugleich ein ausgezeichneter Maler — als die Über-
zeugung von der Farblosigkeit der antiken Baudenk-
male, die ihn in seinem System bestärkte. Wenn
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