Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 21.1886

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Die Menzsl-Ausstellung in Berlin.

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den einstigen Palast Sixtus' V. bei S. Maria mag-
giore, den er noch als Kardinal Montalto durch
Domen. Fontana erbauen und von Ces. Nebbia aus-
malen ließ. Sein jetziger Besitzer, der Fürst von
S. Faustino, hat ihn mitsamt der umgebenden Gar-
tenanlage an eine Baugesellschaft veränßert. Ferner
die Gärten, die an Palazzo del Bufalo zwischen Bia
del Nazzareno und del Bufalo stoßen und nun von
der Fortsetzung der Via del Tritone durchschnitten
werden. Das in denselben von Polidoro da Cara-
vaggio aufgeführte und in Chiaroscuro ausgemalte
prächtige Nymphüum hat bereits einer sechsstöckigen
Mietkaserne weichen müssen, doch konnten wenigstens
seine Fresken in die kapitolinische Galerie gerettet wer-
den. Sodann das hübsche Wohnhaus Pietro Berret-
tini's da Cortona, nach den Plänen des Meisters selbst
am Fuße von Aracoeli in der heutigen Via di Giuliv
Romaiw erbaut; es fällt den Gründungsbauten für
das Monument Viktor Emanuels zum Opfer, doch
wird sein Abbild und Andenken wenigstens in ciner
jüngst erschienenen guten Publikation erhalten bleibeu.
Auch der Ponte rotto endlich, eines der Juwelen der
malerischen Scenerie der Tiberufer, soll demolirt wer-
den und seine Stelle eine eiserne Brücke einnehmen, —
angeblich um den Abfluß des Tiber von den Hinder-
nissen der Brückenpfeiler zu befreien, eigentlich aber
wohl mehr um der Manie zu frönen, die nicht schnell
genug mit den historischen Erinnerungen der ewigeu
Stadt glaubt aufräumen, sie nicht schnell genug in ein
modernes, neben den übrigen Hauptstädten Europa's
präsentables Gewand meint stecken zu kvnneu!

0. v. §.

Die Menzel-Ausstellung in Berlin.

Obwohl wir in den letzten Jahren wiederholt Ge-
legenheit gehabt haben, einzelne Gruppen aus dem
Schaffen Menzels in Ausstellungen zu einem übersicht-
lichen Bilde vereinigt zu sehen, konnte der fiebzigste Ge-
burtstag des Meisters doch nicht würdiger gefeiert werden
als durch eine neue Ausstellung seiner Werke. Menzel
selbst hatte dafür gesorgt, daß die Ausstellung auch
demjenigen, der den universellen Genius genau zu
kennen glaubte, neue Überraschungen bot, indcm er sich
nämlich dazu entschloß, eine Reihe von Studien her-
zugeben, die sich in seinem eigenen Besitz befiuden und sür
ihn gewissermaßen als eiu unveräußerliches Material der
Rückerinuerung zum beständigen Gebrauche dienen. Unter
diesen Arbeiten, welche bisher nurden wenigen bevorzugten
Besuchern seines Ateliers bekannt waren, ist die umfang-
reichste ein großes, vollkommen durchgeführtes Ölbild,
cinen Teil der „Atelierwand bei Lampenbeleuchtung"

darstellenb. An der Wand sind Gipsabgüste, Masken,
Hände, Brustkörbe u. s. w., ausgehängt, die von unten be-
leuchtet sind. Jedes einzelneStück ist vollkommen plastisch
herausgearbeitet und mit so unverbrüchlicher Objekti-
vität wiedergegeben, daß man von der spezifisch
Menzelschen Handschrift kaum etwas zu erkeunen ver-
mag. Gleichwohl ist dieses Bild 1872 gemalt, also
zu einer Zeit, wo Menzels gewaltige Subjektivität sich
längst die gesamte äußere Welt unterworfen hatte. Wo
es galt, der Wahrheit möglichst nahe zu kommen,
vermochte er sich auch damals noch mit voller Demut
dem Objekte unterzuordnen. Die Lösung von solchen
Beleuchtungsproblemen hatte ihn schon viel früher be-
schäftigt. Ganz abgesehen davon, daß das „Flöten-
konzert König Friedrichs II. in Sanssouci" (1852,
Nationalgalerie) und das in demselben Jahre gemalte
Kabinettstück „Friedrich der Große bei der Tänzerin
Barberina" (im Besitz des Nentier C. Kuhtz in Berlin),
welches das gleiche Cachet schneidigster und geistvollster
Charaktcristik trägt, bei Kerzenlicht dargcstellt sind,
hat Menzel seit dem Beginn der sechziger Jahre
shstematische Studien in betreff der Wirkung des
künstlichen Lichtes auf das menschliche Jnkarnat ge-
macht. Ein Zeugnis dasür sind zwei bei Abend-
beleuchtung in Wasserfarben ausgeführte Hände aus
dem Jahre 1864, in welchem ihn die Vorstudien zu
dem Krönungsbilde beschäftigten. Wenn er ini Anfang
der siebziger Jahre wieder auf diese Beleuchtungsstudien
zurückkam, so bol ihm die Ausführung des „Eisen-
walzwerks" dazu die nächste Veranlassung und später
das „Ballsouper". Man hat hier und da behauptet,
daß Menzel die Wirkung der Wachskerzenbeleuchtung
auf die menschliche Haut zu sehr übertriebcn, daß er
zu gelb gesehen hat. Die Ausstellung lehrt uns, wie
sorgfältig und gewistenhaft er zu Werk gegangen ist
und wie schwer es einem anderen werden muß, Menzel
nachzuarbeiten oder ihm gar Jrrtümer nachzuweisen.
Einen glänzenden Beweis für Menzels Objektivität in
der Nachbildung unbelebter Gegenstände liefern auch
mehrere in Aquarell und Gouache ausgeführte Blätter,
welche Studien nach Rüstungen, Helmen, Dolchen
u. dgl. m. enthalten. Nur der Franzose Bollon hat
Ähnliches zustande gebracht, mit dem Unterschiede
aber, daß solche Stillleben ihm Haupt- und Endzweck
sind, während sie in Menzels Thätigkeit nur die Rolle
der Parerga spielen. Diese Studien tragen die Jahres-
zahl 1866. Jn Bezug auf die Schärfe plastischen
Ausdrucks übertreffen diese Arbeiten des kräftigen Fünf-
zigers keineswegs die Bleistiftzeichnungen, welche Menzel
in den Jahren 1880 und 1881 nach Holz- und Stein-
skulpturen, nach architektonischen Jnterieurs, nach
Waffen, Ornamenten u. s. w. angefertigt hat. Die
ganze Knnstgeschichte hat keiuen Meister aufzuweisen,
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