Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — 1.1885

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Üedertapeten.

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Sammtindustrie im 17. Jahrhundert, der die
reichen gewebten Tapcten einführte, dcn letzten
Stoß erhielt sie durch den Znsammenbruch
dcr vornchinen alten Gesellschaft mit ihren
erblichen Stammschlössern, an deren Stcllc nun
eine mäßig bemitteltc Bourgeoisie mit wech-
selnden Mietswvhnungen trat. Das billigc
Rollenpapier löste das edle Leder ab.
Aber auch schou vorher hattc es nicht an
Bestrebungcn gefehlt einen etwas wohlfeilercn
Ersatz cinzuführcn. Ein sehr mcrkwürdiges
Beispiel zeigt unsere Figur 5, eine Wand-
bekleidung aus der Mitte des 16. Jahrhun-
derts, welche aus eincr Dorfkirche iu dcr Nühc
von Berlin herstannut. Diese Tapcte bestcht
aus Leinwand, das Muster ist aufgetrageu mit
einem klebrigen Stoff, welcher mit Wollcnstaub
von verschiedencr Farbe bestreut ist. Also gcnau
das Vcrfahren, durch welchcs die modernen
Sammttapetcn hergestellt wurden. Auf dcr
Spezialausstellung diescs Gebietes, welche im
Frühjahr 1883 im Kunstgewerbcmuseum zu
Bcrlin stattfand, ivaren ahnliche Arbeiten nuch
aus dcm 17. uud 18. Jahrhuudert vertreteu.
Sie sind mit Modeln vorgedruckt und svmit
die direkten Vorgänger der modernen Papier-
tapeten.
Dic Erfindnug dieser Tapeten mit Woll-
staub (Flocktapeten) wurde bisher dem Eng-
lündcr Lanher 1634 oder dem Franzosen
Fran^ois zu Rouen 1620 zugeschrieben. Jn

des Letzteren Familie wurdc die Ware bis
1748 hergestellt, einige cntlansene Arbeitcr
sollen das Geheimnis nach Deutschlaud und
dcn Nicderlandcn gebracht haben. Die Ber-
liner Tapcte bcwcist aber, daß man bereits im
16. Jahrhunderts und wohl schon früher der-
artige Arbeiten in Dcutschland zu sertigcn
verstand.
Jn neucstcr Zeit habcu zunächst die Frau-
zosen, dann aber auch dcutschc Fabrikcn aus
Papicrmasse gepreßte Tapetcn hergestellt, welche
dcn alten Ledertapetcn bis zum gcwisscn
Gradc nachgeahmt siud. Natürlich kann weder
die harte, scharfkautige Form dieser mit Me-
tallwalzen gcprcßten Fabrikate, noch auch die
gleichmäßig anfgctragcne trübe Farbe den
wcichen Schmelz und Glanz der wirklichen
Ledertapete erreichen, auch gestattet unsere
klcine, niedrige Wohuung nicht dic mächtige
Entsaltung der alten Muster. Aber iu bc-
scheidenen Grenzcn leistet dvch auch diese neue
Judustrie Vorzüglichcs und am meisten da,
wo sie sich von der direkten, zur Vcrglcichung
herausfordernden Nachahmung frei macht und
klcinere Reliefmuster in verstündiger An-
lehnung an das Alte frei komponirt. Nicht
unertvähnt dürfen die herrlichen Arbciten blci-
ben, welche die Japaner aus einer zühen, dcm
Leder sehr ähnlichen Papiermassc mit Au-
wendung von Holzformen und sehr warmen
Goldfarben herstellcn.
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