Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — 1.1885

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Das G l a s.
vc>n p. L. Rrell.
Mit Illnstretienen

I.
Das Glas als A u l t u r f a t' t o r.
(Schluß.)

Bei den weiteren Objckten der Glasfcibri-
katien, den Conteriearbeiten (Glaspcrlen,
künstlichen Steinen und bunten Glasflüssen) und
denGefcißen, war und ist es mehr ein indirekter
Einfluß, welchen sie auf die Kultur ausgeübt.
Die nationalökonomische Bedeutung kommt dabci
zuntichst in Anschlag. Wir wollen hier nur
beispielsweise Venedigs gedenken. Eincn gntcn
Teil seines Neichtums zur Zeit der Nenaissance,
nnd damit seiner Machtstellung, und somit
cndlich auch seines Einflusses auf die Anschau-
ungen und Sitten seiner Zeit, verdankte Benedig
seiner Glasfabrikatiou. Die Ausfuhr von Spie-
geln und Glasperlen nach Asien betrug allein
dereinst jährlich 55000 Pfund. „Die Glasperlen
(sagt Jlg a. a. O.) prangten an den Knöpfen
der Leibröcke der chinesischen Mandarine, schmück-
ten dcn Nacken orientalischcr Frauen und galten
als Münze am roten Meere." Nicht zufcillig
hntte sich die Judustrie in Venedig etablirt und
zu solcher Höhe entwickelt. Hier gaben die La-
gunen feinen Sand und lieferten die Pflanze
Roscano, deren alkalienreiche Asche sich sv vor-
züglich zur Glasbereitung eignete.
Die große Handgeschicklichkeit der Jtaliener
und ihr seiner Kunstgeschmack fanden aber in
deni kolossalen Weltverkehr der Meerrepublik
und in deren üppiger Prachtentfaltung einen
unvergleichlichen Boden des Gedeihens. Der
großartige Handel endlich, welcher alle Völker
der Erde zu Käufern machte, sührte diesem
Boden eine solche Fülle von Nährstoffen zu,
daß ein Banin von so stolzem und hohem
Kunstgcwcibcblatt. I.

Wuchse daraus emporsteigen konnte, wie es die
imposante Glasindustrie von Murano gewesen.
Wenn die Trinkgläser im allgemeineu in-
sofern schon als Kultnrfciktor angesehen werden
könuen, als sie zur Förderung der Reinlichkeit
beitragen, so dürfte bei den alten venezianischen
Gläsern auch das künstlerische Monient von
einer nicht zu untcrschätzenden Eiuwirkung ge-
Wesen sein. Diese Gläser verkllndigteii in frcmdcn
Landen die Herrlichkeit und den Kulturzustand
Venedigs. Es ist wohl nicht zu scharf ausgeklü-
gelt, wenn wir annehmen, dnß die wunderbaren
Farbenspiele, welche die Atmosphäre jener Stadt
erzeugt und die ewig wechselnden Wvgen- und
Schaumgcbilde dcr Brandung des blanen adria-
tischen Meeres, die sich dem Auge der Glas-
künstler unaufhörlich darboten, an ihren be-
wunderten Ersindungen Anteil gehabt haben,
wie auch die Gold- nnd Pnrpurfarben dcr
venezianischen Malerei und die Kritik der Maler
und Bildhauer nicht minder.
Jn leiser, aber nachhaltig eiudringlicher
Wcise mögen jene edelgcformten Gefäße eine
Kulturmission jenseits der Alpen ausgeführt
haben. Gewiß erweckte ihr Anblick den in
derben und oft rohen Manieren nnd iu engeu
Anschaunngen befangenen Leuten daselbst eine
Ahnung von seinerer Sitte und freieren Lebens-
anschauungen und gab ihnen einen Antrieb,
selbst darnach zu streben.
Ein Zeugnis hicfür liegt schon darin, daß
diese venezianischen Arbeiten in den nördlichen
Ländern so sehr gefielen, daß inan sie überall,
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