Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — 1.1885

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Über Kaminöfsn.

und Renaisiancegeräte zunächst kirchlicher Art.
Wie notwendig solche Vorbilder sind, beweist ein
Blick nicht bloß auf die modernen Objekte der-
selben Sammlung, sondern noch vielmehr in die
Werkstätten und Läden der meisten Goldschmiede
sresp. Paramentengeschäfte), die rheinischen zum
Teile ausgenommen. Diese traurige Erscheinung
ist um so befremdlicher, als die Wiedergeburt
der Kunst gerade aus dem kirchlichen Gebiete
ihren Anfang nahm und erst von diesem lang-
sam auf das Profangebiet überging. Aber je
mehr auf letzterem das Leben sich entsaltete im
edlen Wettstreite der berufenen Kräfte, um so

mehr stagnirte und verödete es anf dem ersteren.
Hier ist nicht die Stätte, nach den Gründen
dieser beklagenswerten Thatsache zu forschen, daß
aber der Mangel des engen und strengen An-
schlusies an die besten Vorbilder aus den Blüte-
zeiten dcr kirchlichen Knnst einer der hanptsäch-
lichsten ist, wird keinem Widerspruch begegnen.
Dank verdient daher jeder, der den Kreis dieser
Vorbilder erweitert. Dank deswegen auch, be-
sonderen Dank dem Herausgeber dieses reichen
Werkes, dem wir eine weite Verbreitung und
vielfache Benntzung von Herzen wünschen.
Schnütgen.

Über Kaminöfen.
Von Augnst Grtwein.
kltit Abbildung.

Man nnterscheidet heute zweierlei Arten
von Borrichtungen, welche zum Erwärmen unse-
rer Wohnräume während der kalten Jahreszeit
dienen: die Kamine und Ösen.
Die ersteren, bei den romanischen Völkern,
den Engländern und Holländern vorzugswcise
im Gebrauch, lasien das Feuer offen sehen, wobei
es hanptsächlich das unmittelbar ausstrahlendc
Fener ist, welches erwärmend auf Lie Lust in
den Wohnräumen einwirkt. Bei den letztcren
ist das Feuer vollständig eingeschlossen; die Öfen,
welche man vorherrschend ans Thon, in man-
chen Gegenden auch aus Eisen fertigt, werdcn
durch die brennenden Stoffe crwärmt und geben
ihreWärme allmählich an die umgebendeZimmer-
luft ab. Öfen sind vorwiegend in Deutschland,
in den Alpen-, Berg- und nvrdlichen Ländern
in Gebrauch, wo die Winterzeit und somit die
Kälte länger anhalten.
Die Kaniine sind seit alten Zeiten häusig
durch architektonischen und ornanientalen Schmuck
hervorgehoben, daß sie die bedentendsten Objekte
in den Wohnräumen bilden; sie sind beliebt,
weil sie den Brennprozeß in seinem ganzen dem
Menschen stets gleich interessant bleibenden
Verlaufe ungehindert beobachten lassen. Doch
ist vvm praktischen Standpunkt aus gegen sie
einzuwcnden, daß sie trotz des mächtigsten Feuers
einen Raum nie gleichmäßig erwärmen. Zwar
bildet der Kamin den beliebten Mittelpunkt am
Kaminfener sich wärmender und mit einandcr

plaudernderMenschen; aber gewöhnlich macht man
die traurige Ersahrung, daß der Kamin eine sehr
„einseitige" Wärme ausstrahlt, daß die dem Feuer
abgewandte Seite von Ler Wärme nichts ab-
bekommt; man muß sich von Zeit zu Zeit wenden,
um diesen Unannehmlichkeiten zu entgehen. Jn
dieser Hinsicht sind die weniger „gemütlichen"
Öfen den Kaminen weit vorznziehen. Und doch
soll nach den neuen Untersuchungen Friedrich
Siemens', der die Brcnnerscheinnngen auf eine
originelle und ganz plausible Weise erklärt, die
Kaminwärme unseren Zimmerfenernngen nicht
sehlen. Nach ihm ist eine Flamme das Resultat
einer Unzahl kleiner Blitze, welche aus der raschen
Bewegung der Gasteilchen entstehen, und in
rascher Folge die sich ihnen entgegenstellenden
sesten Körper bombardiren. Dies sindet haupt-
sächlich während des ersten aktiven Stadiums
der Vcrbrennnng statt, wo die Flamme vor-
herrschend durch Strahlung wirkt; in dem zweiten,
nentralcn Stadium hingegen ist die Wärme
so weit gesunken, daß die Blitze an Kraft ver-
lieren und es besser erscheint, diese Wärme nicht
mehr durch Strahlung sondern durch Berührung
zu übertragen. G. van Muyden bemerkt, daß
nach dieser Theorie, die auf große Feuernngen
durch längere Zeit angewandt sich bereits bewährt
hat, unsere Stubenfeuerungen einer Reform be-
dürfcn, denn bei eincm Kaminfeuer wirkt nur
die erste Periode des Feuers, die Strahlung,
während bei den Stubenöfen, wo die Flamme
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