Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — 1.1885

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Das G l a s.
von p. F. Rrell.
Mit Jllustrationen.
II.
Anteil der Technik an der Formgebung*).

Wie entstehen die Gläser, deren wir uns
znm Trinken bedienen, die Kannen und Pvkale,
Becher und Kelche, wie die andern Hohlformen,
die Basen, Flaschen u. s. w. ? Ein Teil dabon
wird nach neuen Entwürfen von Künstlern ge-
fertigt, bei einem zweiten produziren die Glas-
macher nach traditionellen Formen oder eigenen
Erfindungen.
Da wir uns hier nur um die heutige Art
der Herstellung des Kunstglases kümniern wol-
len, und zwar um die Herstellung der neuen,
nvch kein Jahrzehnt lang bei uns aufgetauchten
Formen der sogenanntcn „Barockgläser", so sehen
wir von den rohen Arbeiten der Waldhütten
und den alten, immer wieder produzirten For-
men ab, um uns in das Atelier jener Künstler
zu begeben, welche die Glasbildnerci anf jene
nenen Bahnen führten.
Selbstverständlich müssen Künstler, die für
Glas entwerfen sollen, sich mit der Technik spe-
ziell vertraut gemacht haben. Dies ist nun aber
nicht immer so gründlich der Fall, daß nicht
der Glasmacher sich genötigt sähe, dann und
wann kleine Abänderungen wegen Leichtigkeit

*) Als litterarische Hilfsmittel zu Abfassung dieses
Artikels wurden benutzt^ Benrath, Die Glasfabri-
kation, Braunschweig, Friedrich Vieweg u. Sohn, 1815.
— Karmarsch u. Heeren, Technisches Wörterbuch,
III. Auflage, ergänzt und bearbeitst von Prof. Fried-
rich Krick und Prof. vr. Wil helm Gintl, IV. Bd.
Prag, 1880. Verlag von A. Haase. — Friedrich, die
alrdeutschen Gläser, Beitrag zur Terminologie und
Geschichte des Glases, herausg. vom Bayerischen Ge-
werbe-Museum in Nürnberg. 1884.
Kunstgcwerbeblatt. I.

der Herstellung oder aus Rücksicht auf praktische
Verwendbarkeit vorzunehmen. Besser wäre es
freilich und das Jdeal der Glasbildnerei, wenn
dcr Glasmacher zu gleicher Zeit auch der Er-
finder sein würde. Es ist nicht daran zu zwei-
feln, daß dieses Jdeal seiner Zeit auf Murano
seine Verkörperung gefunden hat.
Zu besagten Entwürfen zurückzukehren, so
eignen sich nun einzelne dazu, von geschick-
ten Glasmachern, aber auch nur von solchen,
aus sreier Hand und ohne Beihilfe eines Modcis
ausgeführt zu werden. Diese Art von Arbeit
heißt, da die Drehung der Pfeife mit dem
daran hängenden Glasgegenstand gewöhnlich auf
den Führungsarmen des sog. Glasmacher-
stuhles ausgeführt wird, Stuhlarbeit, wäh-
rend jene Technik, welche mit Mvdeln operirt,
Formarbeit genannt wird. Wir bemerken
übrigens sofvrt, daß auch letztere Herstellungs-
weise die Rotation nicht entbehren kann, daß
dazu aber der mit Holzplatten armirte Schen-
kel des Arbeiters benutzt wird. Diese Armirung
führt den Namen Sattel.
Da nun die Formarbeit, zu welcher auch
weniger geübte Kräfte verwendet werden können,
heutzutage die Stuhlarbeit mehr und mehr zu-
rückdrängt, und da gelegentlich doch alle Proze-
duren der Stuhlarbeit auch bei der Formarbeit
vorkommen, so genügt es für uns, diese letztere
zu betrachten.
Nach der Entwurfzeichnung werden im
Burcau der Glashütte Schablouen der Silhouette
des betreffenden Gefäßes geschnitten, was auch von
der Hand eines Künstlers geschehen sollte, denn
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