Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — 1.1885

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Grientalisch - keramische Ausstellung in Mien.

von B. Bncher.

Das Orientalische Museum in Wien ist
eine Schöpfung des Jahres 1873. Die AuS-
stellung jeneS Jahres hatte neuerdings und in
weiteren Kreisen zum Bewußtsein gebracht, daß
Osterreich, mehr als irgend ein anderes Land
berufen, deu Vermittler zwi-
schen Orieut und Occident
zu bilden, diese Aufgabe scit
langem fich hatte aus den
Händen winden lassen. Die
Thatsache war unbcstritten
und unbestreitbar. Aber mit
dem Beklagen derselben und
den gegenseitigen Anklagen
der verschiedenen Mitschul-
digen hatte es bisher sein
Bewenden gehabt. Man
warf einander kurzsichtige
Politik.Vernachlässigung der
Gewerbsbeziehungen, Man-
gel an Pflege des Gewerbes,
Steuerdruck rc. auf der einen
Seite, Schwerfälligkeit,
Mangel anUnternehmungs-
geist, unreelles Verfahren
auf der anderen, Versäum-
nisse auf allen Seiten vor,
und inzwischen verdrängten
Napoleon und Guinee den
Dukaten und den Maria-
Theresienthaler mehr und mehr. BeimAnblick der
orientalischen Fabrikate und derjcnigen, welche
andere Lünder demOrient lieferu, wurde man end-
lich inne, daß eshöchsteZeit sei, den nutzlosenStreit
zu lassen und zu handeln. Zur Wiederbelebung
des Jmports bedurfte es keiner großen Vorbe-
reitungen, und in der That war, nachdem
Eduard Haas, der Chef der Firma Philipp Haas
L Söhne, das Beispiel gegeben hatte, im
Handumdrehen Wien wieder ein Hauptstapel-

Porzellan-Vase in curopäischem Geschmack bemolt.
China 17SS—1798. sKat. Nr. 4SS.s

platz sür die kunstgewerblichen Erzeugnisse der
Türkei, Ägyptens, Persiens rc. geworden. Schwerer
ist es bekanntlich, verlorene Absatzgebiete wieder
zu crober», und sozusagen für die General-
stabsarbeiten wurde das Orientalische Museum
gegründet. Hier sollten dem
Fabrikanten und dem Zwi-
schenhändler alle Behelfe zur
Orientirung über die Be-
dürfnisie und Gewohnheiteu
der morgenläudischenVölker,
Auskünfte über dieHandels-
verbindungen anderer Staa-
ten, Adressen rc. zur Berfü-
gung gestellt werden; dazu
Proben der Natur- uud der
Kunstprodukte des Ostens.
Jnwieweit der eigent-
liche Zweck, Förderung des
Expvrts, erreicht worden ist,
das entzieht sich unserer Be-
urteilung. Aber eigentlich
populär zu werden, wollte
der Anstalt bisher nicht ge-
lingen, auch nicht, seitdem
sie ihren anfänglichen, etwas
vcrsteckt liegenden Sitz in das
neue Borsengebäude verlegt
hat. Eine großstädtische Be-
völkerung ist in solchen Din-
gen unberechenbar: die weiten, gut beleuchteten
Räumc an derRingstraße, im Mittelpunkte des Ge-
schäftslebens, mitreichen, sehenswertenSanimlun-
gen gefüllt, das Lesezimmer mit einer Fachbiblio-
thek und einer Fülle von Zeitschriften bleiben fast
immer verödet, dieWintervorlesungen werden, wie
dergleichen Vorlesungen meistens, eben von dem
Publikum nicht besucht, auf welches sie berechnet
sind.
Als einen neuen und hoffentlich erfolg-
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