Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — 1.1885

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Bücherschau.

sei frei in der Wcchl seiner Motive, seiner An-
regungen, aber kontrvllirt durch die klare Eiu-
sicht in die stilistischen Gesetze. Dann wird cs
ihm auch geliugen, die Papiertapete von der
ausschließlich dienenden Nolle des billigcn Sur-
rogates zu befreien. Beherrscht er nur grüud-
lich die Technik und studirt er außer den vvr-
bildlichen Meisterwerken der Vergangenheit mit
liebevoller Hingabe die herrlicheu Gebilde der
Natur, so wird er auch mil dem graziösen
und virtuvsen Nachbar zu konkurriren ver-
mvgen. Wer der Praxis nahe steht, weiß aber, daß
eine große Zahl der jungen Zeichner infolge der
„stofflichen Richtung" jene gründlichen Studicn,
welche der Franzose nie versäumt, erst noch zu

machen hat. Es wäre schade, wenn eine
Geschmackswendung uusere Leistungsunsähigkeit
in gcsälliger Blumenornamcntativn blvßlegtc.
Schade um den weit verbreiteten kunstgewerb-
lichen Enthusiasmus, wenn er ciner solchen
Perspektive in die Zukunft nichts benehmen
kann von ihrer herben Wahrhaftigkeit, und drei-
mal schade, wenn das Vorgehen gewiffer Fir-
men ersten Ranges in Krefeld und Mülheim
a/Rhein, ihre Originale aus Paris zu holen,
nicht nur das Festhalten an alteingewurzelter
Gewvhnheit bedeutet, sondern dcr nüchtcrnen
Einsicht entspringt, daß unsere deutschen Dessi-
nateure nicht imstande sind, den wachsenden Au-
sprüchen zu genügen.

Bücherschau.

XVI.
Glasmalereien des Alittelalters und der Ne-
naiffance. Original-Aufnahmen von H.
Kolb, Prof. an der kgl. Kunstgewerbe-
schule in Stuttgart. Stuttgart, Konrad
Wittwer. Vvllständig in 10 Heften. —
Heft I und II enthält 12 chromvlitho-
graphische Tafeln und Tept.
Jn Frankreich hat sich eiue auffallend große
Anzahl von Glasgemälden erhalten, namentlich
aus der romanischen Epoche, viel weniger aus
der gotischen, am wenigsten aus der der Re-
naiffance. Auch Deutschland hat aus allen Peri-
oden, besonders aber aus dem 14. und 15.
Äahrhundert eine ziemlich erhebliche Auswahl
von Glasmalereien gerettet. Während aber die
Franzosen kein Opfer gescheut haben, diese
Schätze in großen Prachtwerken mit rcichen
farbigen Jllustrationen zu Vervffentlichen, vor
allem in den kostbaren Monographien über den
Glasschmuck einzelner Kathedralen, so hat es
bei uns bis jetzt an jedem größeren Werke
über die deulsche Glasmalerei gefehlt. Das ist
um so auffallender, als gerade Deutschland für
die Wiedergeburt dieser ruhmreichen, mittelalter-
lichen Technik schon seit mehr als einem halben
Jahrhundert mit Eifer thätig ist und namentlich
in den beiden letzten Jahrzehnten sehr vieles
in dieser Hinsicht geleistet hat. Daß dieses viele

nur zum geringsten Teile mnstergiltig ist, hat
fast ausschließlich in dem Mangel an svrgfältigem
Studium der alten Vorbilder seinen Grund,
mithin auch darin, daß von diesen zu wenige
und zu unvollkommene Abbildungen zur Vor-
lage für unsere Glaskünstler genommen wurden.
Kolb will endlich diesem Mangel abhelfen, und
was er in seinem groß angelegten Sammel-
werke zu bieten anfängt, ist durchaus geeignet,
die Hoffnung auf die Erfüllung seines Zweckes
zu begrüuden. Freilich läßt sich der glanzvolle,
zauberische Effekt der alten Glasbilder durch
keiue Farbe und durch keine Chromolithographie
genau wiedergebcn, ihr durchsichtiger Charakter
macht dies absolut unmöglich, da aber gerade
darin, in der leuchtenden, feierlichen Wirkung,
die eigentlichste Bedeutung der bunten Fenster
liegt, so sehlt es an jedem vollständigen Ersatze
dafür im Bilde. Aber annähernd kann dies
immerhin geschehen und dem Verfaffer ist es
gelungen, den Ton der einzelnen Farben treffender
wiederzugeben, als dies bis dahin hatte glücken
wollen. Einen glücklichen Wurf hat er nament-
lich dadurch gethau, daß er einzelne Farben,
besonders das Not und auch das Blau des
Hintergrundes, glänzend lackartig behandelt hat.
Derselbe tritt dadurch nicht nur ctwas zurück,
svndern erhält auch eine schimmernde Wirkung.
Diese würde freilich noch bedeutender sein, wenn
in demselben Tone die reichc Skala der Ab-
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