Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — 1.1885

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«unstgewerbeblatt. t- Jahrgang.


Zur Lrsindungsgeschichte des europäischen Porzellans.
von Dacob v. Lalke.

Bisher hat wohl memand, wenigstens in
deutschen Landen, daran gezweifelt, daß die euro-
paische Porzellanfabrikation von der Meißner
Fabrik und von der Erfindung Böttgcrs ihren
Ausgang genommen. Alle die zahlrcichen Fabri-
ken des achtzchnten Jahrhnnderts, Mnnchen-
Nymphenburg, Wien, Berlin an der Spitze,
lassen sich wie in eincm Stammbaum direkt oder
indirekt in erster, zweiter und dritter Linie auf
Meißen znrückführen. Die ersten Arkanisten,
die im Besitz des großen Geheimnisses erst die
Entstehnng anderer Fabriken ermöglichtcn oder
veranlaßten, waren von Mcißen entflohen oder
ausgcgangcn.
Nur die französischen nnd die cnglischen
Fabriken machcn davon cine Ausnahme. St.
Cloud existirte schon, wenn anch nur wenige
Jahrc, bevor die Fabrik von Meißcn (1710)
gegründet wnrde, und St. Cloud war die Vor-
güngerin der berühmteren Fabrik Sbvrcs. Und
so cntstanden anch die cnglischen Fabrikcn sclb-
ständig. Aber weder die französischen noch die
englischen Fabriken des 18. Jahrhunderts haben
in Wirklichkcit das echte, hartc Porzcllan der
Chinesen gemacht, wie es glcichcrweise vollkvmmen
echt zu Meißcn, dann zu Wie», Berlin, Nym-
Phenbnrg u. s. w. geschah. Das französischc und
englische Porzellan dcs 18. Äahrhunderts ent-
hält kein Kaolin uud entbehrt damit der eigcnt-
lichen Porzellanerde; es ist wciche Masse (püts
tonära) ini Gegensatz gegcn die harte Masse
(Mts ckurs) der ostasiatischcn nnd der dcutschen
Fabriken. Die weichc Massc ist gläscrncr, trans-
Parenter, schmclzbarer, minder solid, und steht
so mittcn zwischcu dcm Glas nnd dem cchtcn
Porzellan. Erst mit dem Anfang des 19. Jahr-
hunderts ging SävreS zur harten Masse über.
Faßt man nuu das Wort Porzellau in
seiner engsten uud eigentlichen Bedeutung und
KunstgewerbeMtt. I.

in Anwendnng nllein auf das harte Porzcllan der
Chinesen und Japancr, wic man doch thun sollte,
— denn die weiche Masse ist nur eine Nach-
ahmung, cin Ersatz, — so wird nicmand der
Erfindung Böttgers und der Mcißner Fabrik
den Nuhm der Priorität bcstrciten können.
Jn jüngster Zcit ist cs aber doch geschehen,
nnd zwar auf Grundlage von Entdeckungcn oder
vielmehr der Aufsindung von Nachrichtcn, dencn
zufolge Porzcllan schon hundert und zweihun-
dcrt Jahre früher in Jtalien fabrizirt wurdc.
Zuni Anwalt dieser Entdeckungen macht sich ein
sehr interessantes Bnch des Kuiistsammlers und
Kunstkenners Baron Davillier in Paris: l-ss
oriAines äs la poroeluins en Luroxs. l^aris
st I.onärs8 1882.
Ilnwahrscheinlich ist es an sich durchaus
nicht, daß längst früher schon Versuche zur Fabri-
kation echten Porzellans gemacht worden, ja bei
dcr Bckanntschaft, die Europa schou am Schluß
dcs Mittelaltcrs und im 16. Jahrhundcrt vom
ostasiatischenPorzellnn besaß, und bei dcm Werte,
dcn man demselben beilegtc, wäre es nur zu
vcrwundern, wenn solche Versuche nicht geschehen.
Es ist ja auch die Entstehung der weißglasirten
Dclster Faicncen direkt auf dic Nachahmung des
vstasiatischcn Porzettans zurückzuführen. Diese
Nachahmung ist uicht gelungcn, tvohl aber hat
sie einen anderen blühenden und kunstvollen
Zweig der Keramik hervorgernfen. So weit
ist es nicht einmal mit den italienischen Nach-
bildungcn gekommcn.
Die crsten Nachrichten in Jtalien, von dencn
Dnvillicr berichtet, führen nach Benedig und zwar
noch in das 16. Jahrhundcrt. Jni Jahre 1470
schickt ans dieser Stadt ein gewisser Pater
Wilhelm von Bologua eine Schüssel und eine
kleine Vase an einen Freund nach Padua und
begleitet sie mit eiuem Briefe, in welchem es
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