Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — 1.1885

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Vücherschau.

XIV.
Glockenkmide. Von vr. Heinrich Otte. Mit
Holzschnitten und zwei lithvgraphischen Tafeln.
Zweite verbesserte und vermehrte Auflage.
Leipzig. T. O. Weigel. 1884. Mk. 7.
Seit dem ersten Erscheinen dieses Bnches
vor einem Vierteljahrhundert hat die Litteratur
Uber die Glocken so viel neues Material geliefert,
daß schon dessen Ausnutzung dem Verfasser für
die zweite Auflage eine erhebliche Erweiterung
ermvglichte. Dazu kam sein eigener bekanntlich
unübertrefflicher Sammelfleiß, der manuigfache
dankbare Unterstützung fand. Den glücklichen
Erfolg bewcist die nicht bloß vortrefflich zn-
sammengestellte und höchst übersichtlich geordnete,
sondern auch in bezug auf den Umfang der
behandelten Gegenstände im allgemeinen ganz
vollständige Schrift, die keinem, der auf diesem
Gebiete Belehrung sucht, eine Ausknnft ver-
weigern wird. Die auch im Detail sehr wesent-
lich geförderte Vollständigkcit ist natllrlich eine
relative und wird es auch bleiben müssen, bis
das gesamte kunststatistische Material seinen
Abschluß gefunden hat, was bei allem Eiser noch
viele Jahre und Jahrzehnte dauern dürfte. Jn-
zwischen werden die ziemlich zahlreichen Glvcken-
spezialisten, die nicht zur Veröfsentlichung ihrer
gesammelten Notizen kommen, diese am besten
deni Verfasser oder, aus besonderen Rücksichten
gegen sein hohes Alter, einem seiner Mitarbeiter
zur Verfügung stellen, namentlich dem Heraus-
geber von seinem großen „Handbuch der kirch-
lichen Kunst-Archäologie", Herrn Oberpfarrer
Ernst Wernicke in Loburg.
Den Schellen, die sporadisch im Buche be-
gegnen, hätte ich ein eigenes Kapitel gewünscht.
Der eigentümliche, von dem der Glocken vielfach
abweichende Entwickelungsgang, den sie genom-

men haben, dürfte ein solches empfehlen. Darin
hätten zunächst die geschmiedeten vernieteten
Schellen ihre Stelle gefunden, die auch der
Kirchen- und Klosterdienst mindestens bis ins
13. Jahrhundert verwendet hat. Ein Paar
solche Handglocken, die je aus zwei konkaven
Schalen bestanden, die unten etwas eingezogen
zu einem bienenkorbähnlichen Gesäße zusammen-
gesetzt waren, deren einsache aufgenietcte Ver-
zierungen die spätromanische Epoche verrieten,
sah ich vor einer Reihe von Jahren im Privat-
besitze. — Des weiteren wäre der durchbroche-
nen Schellen zu gedenken gewesen, der rvma-
nischen sowohl, die in Frankreich cntstanden zu sein
scheinen, wie der der Renaissance angehörigen,
die anf Jtalien hinweisen. — Anch die Glocken-
spiele zur Unterstlltzung des Chorgesanges wären
dort unterzubringen gewesen, wie sie auch auf
alten Chorstühlen dargestellt sind, z. B. auf denen
des Kölner Domes, die der Mitte des 14. Jahr-
hunderts cntstammen. Hicr sitzen in einer Fül-
lung auf einer Bank zwei Psalteristen einander
gegenüber, von denen der eine mit jeder Hand
eine mit Griff versehene Schelle bewegt, wäh-
rend der andere mit der Rechten vermittelst
eines Stabes drei über ihm an einer Stange
aufgehängte Schellen verschiedener Größe rührt,
mit der Linken auf das vor ihm aufgeschlagene
Buch zeigend. — Auch die harmonischen (Drei-
und Vierklang) Altarschellen, die sicher bis ins
16. Jahrhundert zurückreichen, hätten hier ihren
Platz behauptet, sogar die Glöckchen sn ininin-
tnrs, welche unten die Chorkappen umgaben,
oben die Dalmatiken verzierten, selbst an Mon-
stranzen ertönten.
Das bisher an Vollständigkeit nirgendwv
anch nur annähernd erreichte Glockengießerver-
zeichnis wird in demselben Maße wachsen, als
die Detailforschung fortschreitet; jede neue Sta-
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