Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — 1.1885

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Ksrbsch»ittvorlagen.

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hin, daß der Kerbschnitt der Anfang der ganzen
Schnitztechnik der nvrdgermanischen Bölker ge-
gewesen ist.
In der That zeigen bereits Bauwcrke des
8. Iahrhunderts (St. Jean in Poitiers) die
cinfachen, in die Steintechnik übergegangenen
Grundformen des Kerbschnittes, und die nor-
manischen Pvrtalbauten des 11. und 12. Jahr-
hunderts liefern eine reiche Auswahl von Mo-
tiven, die Jahrhunderte hindurch in Gebrauch
geblieben sind.
Die erhaltcnen Holzschnitzwerke dieser
Art— die sich in allen kunstgewerblichen Samm-
tungcn Norddeutschlands, svwie in Daneinark
und Norwegen finden — reichen, soweit mir
bekannt, nicht über das 13. Jahrhundert zurück.
Die reichste Ausbildung entwickeln sie in der
ersten Hälfte des vvrigeu Jahrhunderts und
gehen in dieser Zeit gelegentlich in Flachschnitt
über.
Beim Überblick über eine grvßere Neihe
von Beispielen koinint man bald dahin, zwei
Arten des Kerbschnittes zu uuterscheiden. Die
häufigcr sich findeude, spätcre Art löst die ganze
vrnamentirte Flächc in schräge, dachförmig ge-
geneinanderstvßende Flächen auf; uur hiu und
wiedcr erschcincn statt der Firstlinien schmale,
bandartigc Streifen, als dercn Mittcllinie nvch
der „Riß" der Zeichnung sichtbar ist. Spätcr
bleiben in den furchen-, keil- und mandelför-
migen Einschnitten kleine rvsettcnartige, gua-
dratische oder rautenförmige Teile der nrsprüng-
lichen Fläche stehen und bringen in dcn Wechsel
der schrägen Schnittflächen erwüuschte Ruhe-
Punkte. Jmmer aber bleibt die Grundlagc einc
durch geometrische Kvnstruktivn, mit Zirkel und
slineal hergcstellte Zeichnung. Andcrs ist es bei
dcr zwciten Art. Ursprünglich cbenfalls von
geometrischcr Grundlage ausgehend, wird hier
das Muster zwar auch durch die Form und die

Verteilung der Kerbschnitte in der Fläche, ins-
besondere aber durch die Form der zwischen
den Kerbschnitten stehenbleibenden Flächen (Qua-
drate, Rauten, Sterne, Rosetten w.) hervorge-
bracht. Nach und nach wird diese Form reicher,
der Kontour sreier bewegt; stets aber werden
die Vertiesungen nur durch Kerbschnitte, nicht
durch Ausgründung hergestellt und die Zeich-
nung erscheint dieser Bedingung angepaßt. Die
Arbeiten der ersteren Art erinnern mcist an go-
tische, die der letzteren zeigen fast ausnahmslos
romanische Muster.
Es liegt auf der Hand, daß der Kreis der
Gegenstände, welche man verständiger Weise mit
Kerbschnitt verzieren kann, schon wegen Les
Maßstabes, den diese Technik bedingt, ein be-
schränkler ist. Nur kleinere Geräte eignen sich
dazu: Rahmen, Deckel, Fllllungen, Kästchen, Ge-
stelle w. verschiedener Art.
Die Muster werden ausgezeichnet oder, wie
in früherer Zeit, mit dem Zirkel, Spitzbohrer odcr
Psriem aufgerissen; womöglich in anderem Maß-
stab als die Vorlagen, für Ansänger in größerem.
Beim Durchzeichnen geht für den Unterricht
bie Hälste des Zweckes verlorcn.
Als Werkzeug wurdc ursprünglich zum
Kerbschnitt nur das Taschenmcsser verlvcndet,
bas jedermann bei sich fllhrte; jetzt benutzt man
außer dem Schnitzmesser die verschiedcnen In-
strumente des Stechzeuges: den Stechbeutel, die
Hohleisen, den Geisfuß rc.
Um oic Arbeitcn fertigzustellen, müsscn
sie gebeizt und gebohnt werden. Zur Beize
wähle man einen bräunlichen Holztvn, nicht den
an einigen Ortcn bcliebten schwarzen Anstrich.
Pvliren ist für dcrartige Arbeiten nicht nur
uunötig, sondern falsch; dcr ländlich einsache
Charakter dicser Arbciten verträgt die Politur
nicht. Dagegen ist Färbung und Vergvldung ein-
zelner Teilc ebenso angemessen als wirksam.
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