Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — 1.1885

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iiber die Entwickelung der Wiener Bronze-Jndustrie in nnserm Jahrhundert.

Urnen und noch mancher andere Widersmn
wnrde von naivcr Befangenheit zn Tage gc-
fvrdert.
Der hervorragendste Wiener Bronze-Fabri-
kant jener Zeit war Jos. Georg Danninger.
Er hatte sich 1795 etablirt, ansehnlichcs Ver-
mbgen erworben, und war in den Jahren 1815
bis 1835 fast alleiniger Beherrscher dieses Ge-
werbzweiges. Seine umfangreiche Thätigkeit
umfaßte alles, von kleinen Aufsätzen für Uhren,
von Nippsachen, Kandelabern nnd Lüstern bis
zu großen Kirchturmkreuzen und ganzen Altären.
Diese Produkte des Empire-Stils dominirten
eine Zeitlang mit der Präponderanz einer
Autoritüt, aber sie lebten als Fremde auf
sremdem Boden: weitere Jnipulse zu geben
waren sie nicht imstande. Vielmehr sehen
wir einen Prozeß sich langsam vorberciten, der
verhängnisvoll wurde, sowohl sllr die Kunst-
industrie wie sür die hohe Kunst. Während
nämlich der Anhang der Akademiker in geist-
loser Weise die antikisirende Richtung pflegte,
arbeiteten alle die vielen aus dem Handwerk
hervorgegangenen Kunstindustriellen, die der
Akademie ferne standen, in den Traditionen der
letztvorangegangenen, volkstümlichen Kunstweise,
also im Rococostile, fort. So wurde die Klust
zwischen Kunst und Kunstgewerbe immer breiter
und tiefer, zum Schaden beider, denn dem
Künstler fehlte es an Anregung, Teilnahme und
Verständnis von Seite des Volkes, der Kunst-
handwerker aber verlor Fühlnng und Zusani-
menhang mit der hohen Kunst und somit die
unumgänglich notwendige geistige Nahrung.
Jn der Kunstindustrie erwies sich also der Klassi-
zismus nicht als erstes Stadinm der Reform,
sondern wurde vielmehr der Ausgangspunkt
gänzlichen Versalles.
Sind dies die inneren Schäden, woran die
Kunstindustrie in den ersten Decennien unseres
Jahrhunderts in allen Jndustriestaaten litt, so kom-
men in Österreich noch äußere Momente hinzu, die
eine Befreiung von diesem Zustande auf lange
Zeithinaus unmvglich machten. Es ist jenes Spar-
system im Staatshaushalte wie im Privatleben,
das, eine Folge der Verarmung nach den Fran-
zosenkriegen, allen höheren Kulturinteressen höchst
abträglich wurde; es ist ferner jenes vormärz-
liche Regierungssystem, wonach eineni mißver-
standenen Volkswohle das freie Geistesleben ge-
opfert Ward. So kommt einc Zeit sterilen
Dahinlebens, die ohne Beispiel in der Geschichte

Österrcichs dasteht. Handcl unch.,Erwcrb be-
ganncn erst wieder aufzuleben, als sich Stadt
nnd Land von den Folgen dcr Franzosenkriege
erhvlten. Auch in Wien kam um das Jahr
1830 einige Unternchmungslust in das Gewerbe.
Speziell die Bronzeindustrie gewann bedeutend
an Ausdehnung. Vor allem ist da der Preuße
Jos. Glanz zu nennen, der im Jahre 1831
eine Eisengießerei errichtete, sich von 1838 an
aber der Bronzefabrikation zuwandte. Er
hielt auf gute, gediegene Arbeit, bildete zahl-
reiche tüchtig geschulte Gehilfen heran, wie denn
z. B. der treffliche Bronzegießer Turbain aus
seinem Atelier hervorgegangen ist, und wurdc
bis nach 1850 bei jeder Gelegenheit gcnannt,
wo es galt die Wiener Bronzeindustrie zu re-
präsentiren. Ein anderer war der Engländer
John Morton, der mit seiner neuen Me-
thode der Vergoldung einen um so größeren
Vorsprung vor allen anderen gewann, als da-
mals die Vergoldung der Bronze allgemein
Ublich war. Paßte doch ja zu den lichten
Wänden und dem vielen Weiß in allen Jnnen-
räumen nur Gold und nicht der fcine Ton einer
patinirten Bronze. Mortons Fabrik hatte einen
sür jene Zeit äußerst schwunghaften Betrieb:
erst die galvanische Vergoldung brachte die
Werkstatt zum Sinken. Ein dritter Bronze-
fabrikant jener Zeit war Sigmund Wand.
Ursprünglich Gürtler, ging er erst später zur
Herstellung größerer Bronzen, wie Lüster, Kan-
delaber und Uhren, über.
Die Trennung der hohen Kunst von der
Kunstindnstrie ward damals anf beiden Seiten
bereits als so selbstverständlich angesehen, daß
ein Jndustrieller sich ebensowenig von einem
Künstler einen Entwurf oder ein Modell an-
fertigen ließ, wie der Künstler Uberhaupt dar-
ran dachte, dergleichen zu entwerfen. Für Mon-
tirungen von Möbeln, Porzellan nnd Glas,
sür Beleuchtungsgegenstände, Geräte und Uhr-
gehäuse hatte die gewerbliche Routine mit ihrem
Rococo die Mode des Empire gänzlich aus dem
Felde geschlagen. Aber dieses Rococo war aller
Reize seiner Blütezeit entledigt, und nach fran-
zvsischem Vorbilde mit zahlreichcn naturalistischen
Elementen vermischt. Organisch entwickelte,
vernünftig gestaltete Dinge waren nur dort zu
finden, wo sich die Kunst in keiner Weise mehr
mit der Jndustrie vermengte. So kam es denn
anch bald dahin, daß in den höheren Schichten
der Gesellschast nnr die nüchternstc Einfachheit
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