Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — 1.1885

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Die Bunzlauer Töpferei.

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kurzem Hals. Die bis Ende des 18. Jahr-
hunderts außer dem gewöhnlichsten Gebranchs-
gcschirr gefertigten Gefciße waren Kruken mit
und ohne Henkel, Wasser- und Bierkriige (letz-
tere mit Schnäuzchen), Trinkkriige, Schraube-
flaschen lalle diese Gefäße zumeist mit Zinubeschlag),
Theekannen, flache Dosen, Tabak- und Butter-
biichsen, auch zierliche Sparbiichsen. Als Mcistcr-
stücke wurden gern Gefäße mit durchbrochcner
Bckleidung der ganzen äußeren Fläche angefertigt.
Mit dem allgemeiner wcrdendcn Genuß des
Kaffees entstand die besondere Form der Kaffee-
kannen, welchen Bunzlan bcsonders seinen weit-
bekannten Namen vcrdankt, sowie der Milch-
vder Sahnkännchen. Die Deckel dieser Kannen
nahmen seit der Zeit Fricdrichs des Großen den
Dreistützer als Knopf an, welcher bis heut bei-
behalten worden ist.
Eins der ältesten Stücke der die Museen
zicrenden Bunzlauer Gefäße ist wohl eine Kruke
mit Zinnschraube im Breslauer Museum, welche
nach dem Borbilde Kreußener und Naerener
Fabrikate einen eckigen, mit Neliefdarstellun-
gen von Engelsköpfen verzierten Körper hat.
Unter dem Halse ist eine vertiefte Jnschrist
angebracht: : NUU6i0 :
V0I-L8I^VIM8I8.' Dieser Pastor hielt 1640
seine Antrittspredigt in Bunzlau, wodurch dic
Entstchungszeit jener Kruke bestimmt ist. —
Die Krüge des 18. Jahrhunderts wurden
schlanker, der Bauch wurde ovaler, oft gekantet,
so daß er fünfseitig erscheint, wobei die dem
Henkel gegenüberlicgende Seitc zur Anbringung
einer Mitteldekoration benutzt wurde.
Das älteste Bunzlaucr Geschirr hat genau
dicselbe schöne braune (Lehm-)Glasur wie das
heutige. Die feineren Gefäßc zeigen durchStempel
hergestellte Neliefverzierungen in gelblichweißem
Thon: „belegtes Gcschirr". Diese Dekoration
wurde seit demBeginn der BunzlauerTöpferei bis
in unser Jahrhundert hinein mit großerMeister-
schaft ausgeführt. Mcist sind übrigens nur die
Blumen rc. in Formen hcrgestellt, währcnd die
Ranken, Gehängerc. freihändig aufgelegt wurden.
Jetzt wird sie nur noch von wenigen Töpfern auf
spezielle Bestellung ausgeführt, ohne im cntfern-
testen die altenVorbilder zu erreichen. Diebelieb-
testen und am häufigsten auftretenden Muster der
früheren Zeit sind: Ähren, Nosen Z, Vergißmein-
t) Drei mit diesen Formen dekorirte Kaffeekannen,
nus der Hahnemannschen Samnilung stammend, im
kgl. Kunstgewerbemuseum zu Berlin. (Fig. 2.)

nicht-Gehänge, Nelken, Astern, Sternblume»,
Eicheln, Wcintrauben, Sterne, Vögel, welche in
rankcnartige Ornamente verwebt sind. Als
Mittelstücke treten znmeist auf: das Bunzlauer
Stadtwappen mit seinen drei Türmen, untcr
anderen Wappen sehr oft das kursächsische; Ge-
lverkszeichen, kriegerische Embleme aus der Zeit
Friedrichs des Großen, dcr österrcichische Doppel-
adler, der preußische Adlcr, Kronen, Porträts,
Namenszüge; Adam und Eva, die Madonna mit
Kind, das Lamm mit der Fahne; Herzen mit
Jnschriften, Kruzifixe, Kränze, sich schnäbelnde
Tanben u. a. m. Diese Neliefs wurden oft
noch mit Farben, zuwcilcn mit goldig schim-
mcrnden, auch rein goldig bemalt, die Far-
ben auch auf der braunen Glasur oft noch
weitergeführt.
Uuter der Regierung Friedrichs des Großen,
welcher überhaupt bestrebt war der schlesischen
Thonwarenindustrie aufzuhelfen^), geschahen auch
Schritte zur Hebung der Buuzlauer Töpferei,
zuerst im Jahre 1756; am 28. Mai bittet der
Syndikus Gg. Peter Chrn. Preu den Minister
sür Schlesien, Grafen Schlabrendorf, einen ge-
schickten „Laboranten" Fr. Wilh. Kelli, der in
der Meißener Porzellanfabrik gearbeitet hat, und
die Bunzlauer. Thonindustrie zu fürdern ge-
eignet ist, mit cinem vierteljährlichen Gehalte
von 12 Thlr. 12 g. Gr. anzustellen, was der
Minister auch am 1. Juni sofort gewährt. Der
„Laborant" scheint aber mit seiner Kunst bei
der unausrottbaren Abneigung der Bunzlauer
Töpfer, von ihren alten Formen abzugehen,
nicht viel ausgerichtet zu haben. Auch fernere
Aufforderungen der Negierung, durch Ermög-
lichung neuer Koukurrenz die Thonindustrie zu
fördern, fanden nicht das gewünschte Entgegen-
kommen. Die Töpfer waren darin ebenso
hartnäckig, wie bei dem Beschluß, daß sich kein
sechster Töpfermeister in Bunzlau niederlassen
durfte; sie motivirten das damit, daß sie sich
in die Jahrmärktc geteilt hätten, wobei ein
sechstcr Meister nur Störung veranlassen könnte.
Nach langem Kampfe mit der Regierung wurde
aber 1787 den fünf Töpfern ihre Alleinherr-
schaft genommen. 1805 zählte Bunzlau 10,
1815 sogar 13 Töpfercien. Die Verbreitung.
welche trotz der unveränderten Formen das
Bnnzlauer Gcschirr fand, ergiebt sich aus dem
1) Schultz, Schlestsche Faience- und Steingut-
Fabriken. Jn: Schlesiens Vorzeit in Bild und Schrist,
III, 413sf.
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