Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 10.1899

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DIE WIENER SECESSION UND IHR „VER SACRUM«

der Landschaft und für die schmückenden Künste
besonders angelegt; Franz Hohenberger, feiner Stim-
mungsmensch, der Japan bereist hat; Othtnar Schim-
kowitz, frischer Plastiker, in Amerika herumgekommen,
für sein Gutenberg-Denkmal preisgekrönt. Für „Ver
Sacrum" sind namentlich Alfred Roller, Kplo Moser
und Josef Hoffmann wichtig geworden. Man könnte
sogar bahnbrechend sagen, denn sie gehören zu den
ursprünglichsten und fruchtbarsten Graphikern unserer
Zeit. Vom Plakat bis zu den auserlesenen Kleinig-
keiten, die zum heutigen Buchschmuck gehören, be-
herrschen sie das ganze Gebiet, „Ver Sacrum" über-
quillt vom Reichtum dieser drei Phantasien. Der
eigentliche Buch-Illustrator unter ihnen ist Kolo Moser,
neben Baron Fclician von Myrbach, dem aus Paris
Heimgekehrten, wohl der beste in Wien. Figürliches
und rein Ornamentales, Motive aus allen drei Reichen
der Natur, und jener vierten Dimension dazu, in der
das Spiel der reinen Empfindungslinie herrscht, sind
ihm gleich geläufig. Ein vom Ministerium unter-
stützter „Jugendschatz" ist ganz von ihm illustriert.
Aber er hat auch an der Ausschmückung des Seces-
sionshauses tüchtig mitgearbeitet, der originelle Fries
von Kranzträgerinnen, der das ganze Hinterhaus
umzieht, ist von ihm, und im Innern ein grosses
Glasmosaikbild der „Kunst". Auch im Hotel Bristol
hat er hochmoderne Saalausschmückung getrieben.
Überhaupt ist die Vielseitigkeit dieser Gruppe er-
staunlich. Diese jungen Leute sind in allen Sätteln
gerecht. Alfred Roller, dessen Talent ganz Kraft ist,
hat schon mit einzelnen Plakaten die ganze Stadt be-
schäftigt. Das erste Umschlagsbild von „Ver Sacrum",
mit jenem Lorbeerbäumchen, dessen Wurzeln den
Kübel sprengen und jenseits der Dauben das freie
Muttererdreich suchen, ist symbolisch geworden. Aber
er hat selbst für Leinenstickerei Reizendes gemacht,
und jetzt führt er das Mosaikbild für eine Kirchen-
fassade aus. Joseph Hoffmann ist Architekt, aus der
Schule Otto Wagner's, wie /. M. Olbrich, der Erbauer
des Secessionshauses. Beide haben Preise davonge-
tragen, im Kampf mit dem einstweilen noch landes-
befugten Stil. Beide sind erfinderisch und selbständig.
Beide sind auch grosse Möbeltalente, die auf das
Wiener Kunstgewerbe schon sichtlich Einfluss ge-
nommen haben. Hoffmann hat den grössten Teil
der Einrichtung im Secessionshause besorgt, wo z. B.
das Sekretariat vom Publikum als Sehenswürdigkeit
behandelt wird. In dieser Thätigkeit sprudelt ein
eigener wienerischer Geist; sie hat einen besonderen
Zug, der sogar im Auslande schon Schätzer findet.
Nur in Kürze können wir hier noch einige andere
Mitglieder erwähnen. Wilhelm Bernatzlk, obgleich
eine drastische Natur, hat immer durch die Poesie
seiner Bilder Freunde gefunden und sich auch in das
Hofinuseum hineingemalt. Sein „Märchensee" war

diesen Winter augenblicklich verkauft. Professor
Edmund Hellmer ist einer der ersten Plastiker Wiens;
das „Türkendenkmal" im Stephansdom ist sein Jugend-
werk, auch einer der kolossalen Eckbrunnen der Hof-
burg und das Schindler-Denkmal sind von ihm.
Rudolf Jettmar, einer der Jüngsten, ist ein Radierer
von gewaltiger Phantastik. Viktor J. Krämer, Schüler
Leopold Müller's, kam aus Spanien und Sizilien als
glühender Farbenpoet heim; er steckt sich die höchsten
Ziele; seine letzte Arbeit war eine Folge köstlicher
Guaschen aus der hanseatisch-holländischen Stadt-
und Hafenwelt. Maximilian Lenz, längere Zeit in
Südamerika gewesen, ist Landschafter, Graphiker und
noch einiges, er hat soeben einen Staatspreis ge-
wonnen. Ludwig Sigmundt schickt sich an, in der
Landschaft die Stelle Schindler's einzunehmen. Ein
anderer Stimmungsmaler, Specialist aller Dämmerungen,
ist Ernst Stöhr. Arthur Strasser ist jetzt der genialste
Bildhauer Wiens, insbesondere ein Erfinder im Poly-
chromen und unübertroffen als Tierplastiker; er steigt
jetzt von seiner vielbewunderten exotischen Klein-
plastik zu Riesengebilden wie der „Triumphzug des
Antonius« empor. In Gustav Gurschner entwickelt
sich ein frischer Kleinplastiker. Sehr wertvoll sind
die Krakauer und Prager Mitglieder. Die Krakauer
Kunstschule, mit ihrem gefeierten Direktor Julian
Falat und ihren Professoren Axentowicz, Malczewski,
Stanislawski und Wyczolkowski, ist ein Hauptherd der
Secession. Dazu kommen noch der geniale Josef
Mehofer, den man für einen Spanier erster Stärke
halten könnte, und der phantasiereiche Stanislaw
Wyspianski. Aus Prag kommen mehrere Professoren
hinzu: die Pariser Böhmen Adalbert Hynals, der auch
am Burgtheater mitgewirkt, und Ludwig Marold (f),
der Architekt Friedrich Ohmann, dem bei unserer
Wienüberwölbung eine Hauptrolle zugefallen, und
Maximilian Pirncr. In Böhmen lebtauch das secessio-
nistischeOriginalgenie//ß/?s Sc/z ira/gi?/-, dessen Aquarelle
jetzt in aller Stille von den Feinschmeckern (und
Kunsthändlern!) so nachdrücklich gesammelt werden.
In Karlsruhe ist der Landsmann Prof. Pötzlberger
Mitglied, in Paris der elegante Wiener Jules de Koll-
mann und der berühmte Plakatmeister Mucha. So
hat sich die Schar bereits höchst ansehnlich zusammen-
geschlossen.

Ihr natürlicher Mittelpunkt ist das Haus der
Secession, an der Wienzeile zu Wien, dieses Werk
von sechs Monaten, trotz der erforderlichen 8 m
Fundamenttiefe. Man darf wohl sagen, dass es seit
dem ersten Spatenstich die öffentliche Meinung Wiens
lebhafter beschäftigt hat, als die grössten Monumental-
bauten der vorangegangenen Zeit. Von der Bauwelt
angefeindet, von der Menge verhöhnt, die Zielscheibe
jedes Spottes, ist es jetzt auf dem besten Wege, ein
sogenannter „Stolz Wiens" zu werden. Es hat sich
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