Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 10.1899

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DIE WIENER SECESSION UND IHR „VER SACRUM«

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Hühner; Studie von Alois Hänisch in München.
(Aus Ver Sacrum, Bd. II, H. 3.)

Die Secession zählt heute bereits 54 ordentliche
Mitglieder, nebst 62 korrespondierenden in den Kunst-
städten des Auslandes. Ehrenpräsident ist Professor
Rudolf von Alt, der wirkliche Altmeister der öster-
reichischen Kunst, der in seinem 85. Lebensjahre
noch die Frische hatte, an die Spitze der jüngsten
Kunst zu treten. Alt ist ohne Frage einer der be-
deutendsten Künstler unserer Zeit, wenn auch Muther's
grosses Geschichtswerk seinen Namen nicht nennt.
Alt ist eine Art Menzel der Landschaft und des
Architekturbildes. Ein höchst Positiver, der mit un-
versieglicher Kraft Jahr um Jahr erstaunliche Blätter
aus dem Ärmel schüttelt. Mit einer Hand, welche
die zittrigsten Briefe schreibt, aber den Pinsel mit
Festigkeit führt, malt er Bilder von wimmelndem
Detail, deren Leben mit immer gleicher Treffsicherheit
gegeben ist. Und im besonderen ist er noch der
malende Biograph der Wienerstadt, durch mehrere
Epochen hindurch; der Stephansthurrn ist der Held

Kunstgewerbeblatt. N. F. X. H. 8.

seines Lebens. Präsident der Vereinigung
ist Gustav Kämt. Ein geborener Kolorist,
hat er in jungen Jahren die Treppenhäuser
des neuen Burgtheaters mit Deckenbildern
und die Prachttreppe des Hof-Kunst-
museums mit Zwickelbildern geschmückt.
Das Esterhazy'sche Schlosstheater zu Totis
hat ihn ausgiebig beschäftigt, das Musik-
zimmer im Palais Dumba und die Aula
der Universität sind ihm Tummelplätze.
Den specifischen Ton der Wiener Secession
hat kein anderer so eigentümlich und per-
sönlich angeschlagen. Seine heurige „Pallas
Athena«, ein Hauptbild für jenen der-
einstigen Wiener „Luxembourg", hat denn
auch einen geradezu schmeichelhaften Phi-
listergrimm entfesselt. Vicepräsident ist Karl
Moll, der Lieblingsschüler J. E. Schindlers,
dessen Einfluss noch in seinem silber-
duftigen Naschmarktbilde, einem der erfolgreichsten
Wiener Bilder der letzten Jahre, zu erkennen ist.
Neuerlich lässt er sich durch G. Kuehl modern
anregen und findet in dieser Richtung gehaltvolle
Sachen. Moll ist durch sein agitatorisches Temperament
und eine eigene Art von praktischem Idealismus für
die Secession unschätzbar. Ihm gelingen im Hand-
umdrehen Dinge, wie die Errichtung eines Marmor-
denkmals für Schindler im Stadtpark, das nun noch
eine ganze Reihe von Künstlerstandbildern nach sich
zieht. Auch bei der Errichtung des Secessionshauses
hat sich diese Kraft bewährt, die übrigens bis zur
Selbstaufopferung geht. Ähnliches ist Joseph Engel-
hart nachzurühmen, einem urwüchsigen Wiener aus
der Vorstadt Erdberg, der zuerst mit urwienerischen
Lebensbildern an den Tag brach, dann in Paris Schliff
annahm, in Sevilla und Sizilien Farbe schöpfte und
jetzt in Wien seinen Freilichtproblemen nachhängt. In
den Ausstellungen der Secession ist auch seine kunst-
gewerbliche Ader aufgegangen, er hat auf diesem Ge-
biete eine grosse Zukunft. Im Arbeitsausschuss sitzen
ferner: Rudolf Bacher, Schüler Leopold Müller's, dann
in Rom mit grosser Figurenkunst beschäftigt, gründ-
lich im Können, dabei träumerischer Poet und phanta-
sievoller Humorist; Eugen Jettel, der wohlbekannte
Landschafter, dessen Pariser Technik sich in feintönigen
Idyllen ergeht; Rudolf von Ottenfeld, ehemaliger
Offizier, jetzt berufener Maler von ergreifenden Kriegs-
stimmungen („Chlum"); Adolf Böhm, ein Rhythmiker

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