Kunstmarkt: Wochenschrift für Kenner u. Sammler — 15.1918

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DER KUNSTMARKT

EIN MANUSKRIPT VON PAUL GAUGUIN

Im Anfang Dezember gelangt ein Manuskript von Paul
Gauguin bei Paul Graupe-Berlin zur Versteigerung. Auf
200 Groß-Quart-Seiten mit einer schönen klaren Handschrift
geschrieben, hat der Künstler dem Text 30 ganzseitige
Originalhandzeichnungen eingefügt. Auf Tahiti im Januar
und Februar 1903 in seinem Todesjahr verfaßt, als eine
Sturmflut ihn in seinem Haus abgeschlossen hatte, gibt
er diesem merkwürdigen Werke den Titel »Avant et apres«:
will sagen vor und nach Tahiti, nach einer Welt bitterer
Erlebnisse und harten Ringens und vor einer Welt freudiger
Arbeit, reifen Glücks und innerer Sicherheit. Das Leitmotiv
spricht dann auch deutlich der Untertitel aus, der im Gegen-
satz zu »pour pleurer, pour souffrir, pour mourir« das »pour
rire, pour vivre, pour jouir« stellt. Die Freiheit seiner
literarischen Diktion rechtfertigt er mit der Lust am Schrei-
ben, die ihm eine notwendige und harmonische Ergänzung
seiner ganzen künstlerischen Anlagen erscheint. Und mit
dieser Lust schleift er die Kürze seiner Gedanken und stärkt
den Ausdruck seiner Sprache. Einen Roman möchte er
das seltsame Werk nicht nennen, das hieße die Wirklich-
keit geändert haben. Und als Memoiren wären die Tatsachen
andererseits Geschichte. Zwischen Wirklichkeit und Schrift-
stellerei, dort soll es liegen, und wenn derNameJ.J. Rousseau
nicht eine zu schwierige und verpflichtende Sache wäre, so
käme die Konfession seinem Wollen noch am nächsten. Sein
gutes Recht nimmt er sich aus seinem Leben, das sehr vieles
in allen Welten kennen gelernt hat. C’est mon droit. Et
la critique . . . Die Seiten, auf denen er das Zusammenleben
mit Van Gogh in Arles schildert, sind menschliches Doku-
ment. Er weist den Vorwurf, daß er es gewesen sei, der
Gogh verrückt gemacht habe, ruhig zurück. Und wir wissen
es heute aus Goghs Briefen selber, wie er anfangs wider-
stand, bis die »elans sinceres« von Gogh ihn rührten. Daß
er alles mit ihm geteilt, die Kasse und die Küche, die Gauguin
als Seemann verstand. Der Kunst Van Goghs wird ergerecht;
er bewundert seine Ruhe und die ungeheure Konsequenz
seines Strebens, wenngleich ihn der Widerspruch zwischen
Werk und Meinung bei VanGogh stört; wenn er Meissonnier
bewundert und Ingres haßt und vor Monticelli »heult«. Und
den tragischen Abschluß dieser Freundschaft beschließen
die Worte, daß niemand eine Ahnung gehabt habe von der

kolossalen nützlichen Arbeit zweier Menschen, die vielleicht
auch anderen nützlich sein wird. »In der Zukunft tragen
gewisse Dinge Früchte.«
Gauguins Urteile über Kunst lauten klüger als Goghs.
Er faßt die Grunddisposition des Individuums und versteht
hieraus die Synthese der Form. Eine Kritik der Kunst
Degas als Zeichner und Maler gehört zu dem interessan-
testen dieses Manuskripts. Und allgemeine Bemerkungen
über das Zeichnen und die Farbe weiß er durch Vergleiche,
Daumier, Forain, Hokusai u. a., geschickt zu illustrieren.
Auch den anderen Künsten, Literaur und Theater, steht er
verstehend gegenüber. Es sind kurze Einfälle, keine Ab-
handlungen, es sind scharfe Meinungen und keine be-
gründenden Darlegungen, aber immer getragen von einer
weisen Einsicht in Schaffenslust und Gestaltungskraft. Doch
dies alles ist nur Intermezzo in einem Buch, das auf allen
zehn Seiten bekennt, daß es keins ist. — Ceci n’est pas un
libre. Es wollte in der Diktion wohl damit nichts zu tun
haben, aber sein tiefer Gehalt, welcher doch in allen
Dingen die Person des Künstlers offenbart, macht es doch
zu einem Bekenntnis. DerMenschGauguin, er ist von ernster
Aufrichtigkeit. »Je suis et je resterai ce sauvage! II y a des
sauvages qui s’habillent quelquefois«. Und dann folgen
Schilderungen seiner geistigen Existenz und seines Lebens
auf Tahiti, das an Tiefe immer mehr gewinnt. Er zieht
Vergleiche mit der zivilisierten Welt. Er ruft den juge
d’instruction auf den Inseln um Gerechtigkeit an, er klagt
an. Er unterbricht sich und schildert seine Abkunft von Flora
Fristau, seiner Großmutter, die eine sozialistische Schrift-
stellerin war, von Proudhon ein Genie genannt, und der
Arbeiter ihr Grabmal setzten. So ruft er sich selbst auf, in-
dem er andere anklagt und gelangt zu einem unbekümmerten
Glauben an die reine Natur des Menschen. An diesen Stellen
umfängt den Leser die reine Güte eines geläuterten Cha-
rakters und an diesen Stellen häufen sich die Zeich-
nungen, die mit ihrer einfachen Logik der Linie jenem
folgen. Das wilde Temperament, hier in der Kunst findet es
Ruhe. Keine Idee bindet sein Leben, keine Theorie seine
Linie: »Dessiner franchement, c’est ne pas mentir ä soi
meme» Er will alles gelten lassen: »L’art pour l’art, Part
pour vivre, l’art pour plaire.« w. Kurth.

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PAUL CASSIRER HUGO HELBING
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