Kunstnachrichten — 3.1913-1914

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Durchführung, autfallen, daß so viele Künstler, jeder
auf seine Weise, auch in der Plastik dem Gefühl
einer neueu Zeit nachstrebt.

Endlich unterstützt die Kunsthalle die Be-
trachtung dieser beiden Ausstellungen durch eine
sehr geschickte „Ueb er sieht über die Stil-
entwicklung der Plastik aller Zeite n".
An prägnanten Beispielen, an ausgezeichneten Ab-
bildungen werden die besten Werke ältester
indischer, chinesischer und ägyptischer Kunst ge-
zeigt; wir durchwandeln die Blütezeiten Griechen-
lands, fühlen die Vermischungen und Neu-

erscheinungen römischer und romanischer Plastik,
erkennen den Geist der Gotik, die Wiedergeburt der
Antike in der Renaissance, ihre Auswüchse im
Barock und Rokoko, bis zur Rückkehr zu den An-
fängen der Antike, ein ewiger Kreislauf. Ein kurzer
Text begleitet diese Wanderung und belehrt in
raschem Fluge den Besucher.

So ergibt sich für die Sommerszeit eine Aus-
stellung der städtischen Kunsthalle von einheitlichster
Art, die dazu beiträgt, die bildende Kunst in all
ihren Zweigen in Mannheim heimisch zu machen.

A. Lehmann-Mannheim.

Ausstellungen.

Berliner Ausstellungen. Im Salon Cas-
si rer sieht man das Lebenswerk von Vincent
van Gogh. Niemals ist bisher eine so um-
fassende Uebersicht über die künstlerische Entwick-
lung des holländischen Meisters gegeben worden.
Fast 150 Bilder sind hier zusammengekommen, die
vom Beginn bis zum Absturz führen. Die kurzen
sieben Jahre seines Schaffens bedeuten ein unaus-
gesetztes Ringen des Künstlers mit der Natur, in
die er bis auf die letzten Möglichkeiten einzudringen
strebt. Man erlebt vor den Bildern alle Phasen
dieses fanatischen Ringens mit. Aber das ganze
Lebenswerk, so viel besinnungsloses und unge-
hemmtes Stürmen und Wüten in ihm tobt, erfüllt
doch auch mit Bewunderung vor der Gewalt dieses
Schaffens, neben dem nichts Raum hatte in der Seele
des Künstlers und wegen dessen er den erbärm-
lichsten Bequemlichkeiten des Lebens entsagte. Hier,
wo man vor seiner ganzen Entwicklung steht, zeigt
sich das tief Germanische seiner Natur. Immer
wieder dringt es durch in seinem unbegrenzten
Suchen, seiner Hingabe, seiner Begeisterung. Die
Eindringlichkeit, mit der er tote und höchst pro-
saische Dinge des Alltags, wie Stühle und Schuhe,
zum malerischen Leben zwingt, die Bewältigung
weitester Landschaftsflächen und ihre koloristische
Beseelung, die tiefglühenden Blumenstilleben, ja
selbst die Porträts in ihrer strengen sachlichen Klar-
heit, welche die ganze Erscheinung zugleich mit
unbeirrter Wirklichkeit und einem höheren
malerischen Sinn erfüllt alles geht aus einer
deutschen Vertiefungskunst hervor, Ueberall ver-
nimmt man das Mitschwingen dieses grundlegen-
den Tones: In den schwarzen realistischen Stücken
seiner holländischen Anfangszeit, in den Pariser
Studienjahren, als er über Millet, Monet und Dau-
mier hinwegklimmt und in den Hauptwerken der
reifen Zeit von Arles, St. Remy und Auvers, wo er
das Leuchten der Natur, den Sturm des Sonnen-
lichts immer intensiver einzufangen sucht und die
Hemmungen, die ihm die Technik auferlegt, in wilder
Sehnsucht zuletzt mit bizarren Formen und Farben
durchbricht.

Im Salon Schulte findet man schöne
Einzelwerke unserer besten neuen deutschen Maler:

von Hagemeister, Heinrich v. Zügel, Thoma, Leibi,
Leistikow. Ein grandios gemaltes Käsestilleben
von Karl Schuch nicht zu vergessen. Von den
neueren dort jetzt ausgestellten Künstlern inter-
essieren am meisten zwei Münchener: Edmund
Steppe s und Edward Cucuel. Steppes hat
eine große Naturanschauung. In seinen Hochge-
birgsbildern, die ohne viel Farbe, doch sehr präg-
nant gemalt sind, manchmal an Segantinis Einfluß
erinnern, ist das Monumentale fast unbewußt aus
der Darstellung gewachsen. Vor dem Porträt sollte
er sich aber hüten. Cucuel ist ein äußerst frisches
Temperament. Die französische Schule und An-
regungen von der „Scholle" sind in seinen Damen-
bildnissen deutlich sichtbar. Aber er ist ein Maler,
der aparte Situationen zu finden weiß und in seinen
fröhlichen Frauenporträts sehr interessanten Farben-
reizen nachgeht. — Auch ein junger Berliner Maler
verdient nähere Aufmerksamkeit: Hans Gerson,
der in seiner Kollektion flandrischer Landschaften
und Interieurs eine starke Begabung für die Ver-
teilung von Massen und ein reiches koloristisches
Verständnis aufs Neue beweist.

Eine Ausstellung im Künstler h aus zeigt
kleine Meisterstücke von Theodor Alt, eines
der Besten aus dem Leibikreise; auch hier ist Hage-
meister mit einigen Arbeiten vertreten, Baum-
studien, die in ihrer Wischtechnik fast japanisch
wirken. Ferner gibt es ein paar gute Sachen von
Paul Halke (sein köstlicher Raucher!), Hans
H artig, Plontke und märkische Landschaften
von Fritz Wildhagen, die viel Leben haben.

Der Kunstsalon Werckmeister präsentiert
ein paar Haudzeichnungen von Hans Thoma
und farbige Steindrucke deutscher Landschaften von
Hans v. Volckmann. Den hohen Stand der
Graphik bei den Karlsruher Künstlern bezeugen
auch die Radierungen von Hermann Kupfer-
schmied (Stadtbilder) und Handzeichnungen von
Bauer n fei nd mit grotesken Motiven. Auch
Schönleber hat neue Zeichnungen von der Nord-
see geschickt. — In Caspers Kunstsalon hat der
Porträtmaler Arthur Grunenberg eine Reihe
scharfgesehener Bildnisse und die Rötheizeichnungen
aus seinem Cyklus „Russisches Ballet" ausgestellt,
von denen die „Kunstwelt" mehrere veröffent-
licht hat. Das sind Tanzstudien von großer
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