Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

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Leid manchmal zu wirklicher Größe em-
porreicht. Was uns allzu oft hindert,
ungehemmt mitzugehen, ist ein Zuviel
an Formaufwand, der auch bei ihrem
Lehrer Stauffer-Bern und ihrem teil-
weisen Vorbild M. Klinger die letzte Wir-
kung verhärtet, versteift, erdrosselt hat.

K. Kollwitz lebt mit ihrem Gatten und
ihren Kindern unter den Armen Berlins
und gewinnt aus den breitesten Volks-
schichten immer wieder neue Anre-
gung, deren Schicksal vielseitig wieder-
zugeben — eine herbe, unerbiktliche
Wahrhastigkeit, aber von echtem Mitge-
sühl, von einer gütigen Frauenhand sanst
gestreichelt, selbst mit scheuer Seelen-
schönheit umkleidet, ja verklärt. Ein Be-
leg hiesür ist die „Mutter mit dem
Kind". Welch ein Gegensatz! DaS sast
starre, unbeteiligte Kleine voll strotzender
Gesundheit und die srüh gealterte Mut-
ter mit den knochigen Fingern. Wie
junger Frühlingssonnenschein geht ihr
das Licht über das Antlitz, und selbst im
Schatten ist dieser Zug lebendig, als AuS-
druck ihres strahlenöeu Glückes — viel-
leicht ihres einzigen Glückes; aber ihres
Glückes! Die Frau wächst dadurch in
das Symbolhafte hinein und wird
groß aus ihrer Hingabe und deren
Seligkeit.

Die andere Kollwitz spricht aus dem
„Losbruch". Es ist die Stimmung von
Hauptmanns „Webern": Das Volk steht
aus, der Sturm bricht los. Nicht Män-
ner sühren, — eine Frau, in der der
Ausruhr über sie hinauswächst; sie tau-
melt unter der Raserei ihrer Wut, ihres
Fanatiömus, ihres zerstörenden Rache-
geistes. Eine Figur, in der etwas Dä-
monisches zur unhciiulicheu Sturmge-
bärde wird, die die Massen in immer
wildere Bewegung hineinhetzt, obwohl
diese ohnehin schon ein lawinenhastcs
Gefälle hat. Das einzelne ist weiüger
bedeutend und bedeutsam. Hier hat das
innerliche Mitgehen die Künstlerin unge-
mein gesteigert — auch sonst in ähnlichen
Dorwürfen aus dem Bauernkrieg imd
anderer Vergangenheit. Das Mensch-
liche in dieser Kunst wirö länger und
stärker wirken als das Formale.

Unsere beiden Bilder sind der Käthe-
Kollwitz-Mappe des Kunstwarts, Verlag
Georg D. W. Callwey in München,
entnommen.

ur Deranschaulichung des über die
Gotik Gesagten bringen wir aus Kar-
lingers „Gotik", die der Propyläen-Der-
lag vorbildlich reich und charakteristisch
ausgestattet, einige Proben. Wir möch-
ten damit zugleich diese ausgezeichnete
Leistung noch einmal empsehlen. Zunächst
ein bauliches Werk: der Chor der ehe-
maligen Marien-, jetzigen Franziskaner-
kirche in Salzburg. Eine Schöpsung
des Hans Stethaimer aus Landshut,
erstes Viertel des iä. Jahrhunderts; die
hoch gesührten Kapellenwände etwaö
jünger, nach der Mitte des iä. Jahr-
hunderts, unter Stefan Krumenauer.
Man kann sich kaum einen stärkereu
Gegensatz denken als die dunkle, schwere
Gebundenheit des romanischen Langhau-
ses und diesen lichtöurchsluteten, leichten
Chor mit der Spannung seiner schlanken
Säulen, deren schwanke Schäfte sast
beängstigend keck emporsteigen. Die Rip-
pcn scheinen ihnen mehr zu entwachsen
als daß sie in ihnen ruhen, um sich
über den Raum hin in elastischen Bogen
zu verfächern. Die Gewölbekappen lie-
gen blätterhast dazwischen; ihre dünne,
spannige Haut ist wie eine feine Mem-
bran, in der das entkörperlichtc Gc-
füge sast erklingt; man wäre nicht über-
rascht, hier die jubilierenden Triller aus-
steigender Lerchen zu vernchmen. Der
Auslösungsdrang der späten Gotik hat
in solch kühnen Gebilden gerade im
deutschen Süden (Landshut, München,
Jngolstadt, Amberg u. a.) die letztmög-
liche Form und Steigerung der Hallen-
kirche geschassen. Wie sehr das der Zeit
entsprach und gesiel, zeigt der RegcnS-
burger Altdorser (der sich später der
Renaissancc ergab), indem er die „Ge-
burt Mariä" (Alte Pinakothek, Mün-
chen) in einen soichen Kirchenraum ver-
legtc und diesen durch eincn Engelreigen
wie mit lebendig gewordenen Girlanden
schwingig durchwebte. Erst das Rokoko
derselben Gegenden hat diese Freiheit
und Heiterkeit wieder gefunden und ge-
nial auf seine Weise verkörpert.

Die innere Freiheit der Gotik, über deren
angebliche Bedrücktheit man uns in den
letzten Jahren so viel vordeklamiert hat,
zeigt sich in anderer Weise in den Lie-
besszenen eines Elsenbeinkästchens, einer
Pariser Arbeit aus der ersten Hälfte des
i^s. Jahrhunderts. Die Minne warals
Darstellung für kleinere Gebranchsstücke
in dieser Zeit sehr beliebt, daneben Sze-

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