Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

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Die Ausführungen, di'e hier beabsichtigL roaren, enden vc>r der Erörterung der beson-
deren inhaltlichen Ergebnisse. Die einzelnen Abschnitte des Buches mögen seinen
Lesern selbst bezeugen, tvelch mannigsache Bereicherung nicht nur die Natursorschung
im engeren Sinn, sondern auch angrenzende Gebiete durch die neue Betrachtungs-
rocise ersahren, darunter gerade solche, mit denen die Schulwissenschast wenig anzu-
sangen weiß: Psychologie und Parapsychologie, Biologie, Sprachphilosophie, Mytho-
logie, Astrologie. Der vollste Klang aber tönt aus den Schlußkapiteln, die den
tiesen religiösen Untergrund der Hauptidee rein hervorscheinen lassen.

Dem Einzelnen gegenüber wird sreilich auch dem unvoreingenommenen Leser mancheS
Bedenken aussteigen. Das liegt in der Natur des WerkeS. Wo zum erstenmal ein
Psad geschlagen wird, kann nicht sosort eine geebnete Straße sertig sein. Deshalb
wäre es müßige Prophezeirmg, heute bestimmen zu wollen, welche Ansätze in Darques
Lehre genügende innere Keimkrast besitzen, um sich zu behaupten, welche seiner Sätze
dagegen in dem Wirbel der großen Sprachverwirrung untergehen werden. Jn-
zwischen besteht Anlaß genug, das große Wollen, das unbeirrbare Bekenntnis zum
Schöpserisch-Lebendigen, den seltenen Mut des Aussichselbststehens, wovon daS Werk
Zeugnis gibt, sreudig zu bejahen.

Umschau

Heinrich Döhmann

Ein Maler des Erd-Lebens
r gehört zu jenem „heimlichen Deutsch-
land", das sernab vom Markt der
Menschen in der Stille glüht, aus das
Hölderlin seine edelsten Hossnungen setzte.

Somit gehört er zu dem großen See-
lenzuge, der in den letzten Jahren, allen
modischen Ouertreibereien zum Trotz, ver-
schollenes Lebensgut der Romantik wie-
der ans Licht hebt. Deutschland war
sast ein Jahrhundert lang blind sür seine
mächtigsten Schätze. Es ist knapp ein
Jahrzehnt her, daß man Kleist und Höl-
derlin gleichsam neu entdeckte. Mit ihnen
stiegen Caspar David Friedrich und Carl
Gustav Carus (er prägte das wunder-
bare Wort, Malerei sei Erdlebenkunst)
aus dem Abgrund der Dergessenheit hcr-
aus. Jhnen solgte (erst in unseren Ta-
gen) der gewaltige Schatten I. I.

Bachosens. — — —

Man fühlt, welch tiese, geheimnisvolle
Beziehungen walten mögen, wenn man
ersährt, daß die ersten zeichnerischen Ver-
suche Döhmanns, melancholische Flach-
landschasten, mit knabenhaster Jnbrunst
eine Welt zu gestalten suchen, die eine
wunderbare Ähnlichkeit mit Motiven des,
damals noch unbekannten, C. D. Fried-
rich besitzt. Aus diesem Seelenkeim hat
sich die oielgestaltige Fülle seiner Kunst
entsaltet, die heute auch Menschenantlitz
und Menschenwerk umsaßt. Allein der

Grundakkord ist die kosmische Sehnsucht
geblieben: in Farben atmende Unendlich-
keit, die ziehende Wehmut serner Hori-
zonte. Dies ist der seelische Adel des
Malers Döhmann. Aber in unserer Zeit
dieö Thema sestzuhalten, gleich sern von
den sentimentalen Wald- und Wiesen-
bildchen der beim Publikum immer noch
beliebten Epigonenschwächlinge wie von
den krampfhasten Modeversuchen, bald
durch Vergewaltigung der Natur, bald
durch charakterlose Unterwersung unter
die dinghaste Sachlichkeit der Gegen-
stände zu einer „Neuen Kunst" zu kom-
men — dies ist Döhmanns konzessions-
loser westfälischer Eigensinn. Hinter die-
sem Eigensinn aber steht der ahnungs-
volle Ernst einer geschlossenen Persön-
lichkeit, das tiese Wissen darum, daß bei
der rapid um sich greifcnden Zerstörung
des weltstädtischen Menschen nur die
noch nicht zur Ruine cntstellte Natur
daS letzte gewaltige Heiligtum des plane-
tarischen LebenS ist, daß hier allein noch
daS „Gold der Tiefe" wächst.

Wie daS Erlebnis des Meeres den in
der traurig nüchternen Jndustricstadt
Bochum aufgewachsenen Knaben zum
Maler machte, so gchört Döhmanns
tiesste Seelenliebe noch hcute der men-
schenleeren Ebene, der Nordsee und der
traumhaft-phantastischen Welt der Dü-
nen, deren rhythmische Formenfülle in
immer neuen Bildern, Aguarellen, Radie-
rungen und Lithographien zu gestalteu

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