Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

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Lose BläLter

Llus Hans Friedrich Bluncks Schrifteu

Die früheren Werke H. F. Bluncks erfchienen bei Georg
Westermann in Braunschweig und Georg Müller, München,
die neueren beim Derlag Eugen Diedcrichs in Iena, dem
wir die Genchmigung zum Abdruck der drei porliegenden
Stücke aus den beiden Märchenbüchern „Don Klabautern
und Rullerpuckcrn" und „Don klugen Frauen und Füchsen"
oerdanken. Wir werden auf dcn Dichter demnächst ausführ-
lich zu sprechen kommen, möchren aber nicht verfäumen, auf
die genannken Bände oor allem, sowie auf die Romane
„Kampf der Gesiirne" und „Streit mit den Göttern"
empfehlend hinzuweisen.

DerBauer und dieRoggenfrau
^t^ehe rm Korn und am hellen Mittag? Der junge Bauer ging lauklos den
^ ^Knick enklang. Die Ernte stand anf dem Halm, nnk einer bösen Lufk hielk
er den fchweren Skock wurfbereik. 2lber als er die Haselhecke errciöhk hakke,
ward ihm doch rechk selksam zumuke. Ein alker Kornbock Lummelke sich mikken
unker den gelben Ähren. Auf seinem Rücken aber saß ein Weib mik einem
Kleid von Mohn um den Hals und langen durchfcheinenden Haaren. Das
lachke lauk zu allen Sprüngen seines Reikkiers, hielk sich feft am Gehörn nnd
fchaute von seinem hohen Platz so rechk ausgelassen über die endlosen gelben
Felder, die ins Tal abfielen, über die flimmernde Sonnenfluk und in den
Hinimel, der lichk wie ein blauer Glockenkelch über dem Lande ftand.

Da gefchah es, daß der unvernünftige Bock gerade wieder ins Trabcn gerick
und quer durch den Roggen auf den Haselbufch zurannke, hinker dem der
Bauer saß. Der erhob sich verdutzk, einen Augenblick sahen sich die beiden
dumm in die Augen, dann fchreckte der Bock vor Entsetzen, warf das Weib in
die Luft und setzke, haft du nichk gesehen, über den Knick. An der Erde zappelke
das roke Mohnkleid, klagke und wollte ins Korn fchlüpfen. Aber der Bauer
packke rasch zu und hatke eine wirkliche Roqqenmuhme in den qroben Fäusten.
„Wer bist du?" fragke er erftaunk.

„Laß mich gehen", bekkelke sie, „ich geb dir auch mein Kleid." Aber der Bauer
fchükkelte den Kopf, das konnte er nichk brauchen.

„Laß mich gehen", verlangke sie, „ich fchenk dir mein seidenes Haar." Aber
auch damik wußke er nichks anzufangen.

Da warf die Heimkücke beide Arme um seinen Hals und biß ihn in die Lip-
pen, so fchmerzhafk, daß er vor Schreck kamn Atem holen konnke. „Läßk mich
jetzk laufen?"

„Nein", sagte der Bursche und wischke sich das Blut ab, „nun erst recht
nichk."

Er überlegke, was er mit der Zappelnden, Stränbenden wohl am beßen an-
sänge. Eine Dirn zum Gänsehüken schien es ihm, und guk, sie in seiner Nähe
zu haben. Aber wie er noch nachdachte, ließ sie mik Wehren nach, ihre Hände
streichelten ihn leise. „Hast mich denn gern?" Er nickke, ckwas verdutzk, daß er
es erst jetzk begriff.
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