Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

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XXXX. .I^niiOK^o

Die Kunsi in ^eusorge

Don Ioseph W rkkig

s ist möglich, daß jeht jemand naeh Neusorge kommen will, um sich die

^Kunst in Nrusorge anzusehen. Da muß ich leider gleich sagen, sie ist
nichk mehr da, und ich weiß auch nicht, wann sie wiederkommen wird; viel-
leicht ist sie schon bei unserem Nachbarn, ich hörte heute srüh so etwas kom-
men; aber mir ist es oft, als hörte ich so etwas kommen, und doch kommt durch-
aus nichk immer so etwas. Jch kann gar nicht garantieren, daß irgend jemand
die Kunst in Neusorge sinden wird.

Nein, als ich heute srüh in mein Arbeitszimmer Lrat, sah ich die Kunst darin.
Nichk etwa in einem Bilde an der Wand oder einer Skulptur in einer Zim-
merecke, sondern wie eine plötzliche Ossenbarung im ganzen Raum. Nichk wie
eine Zufallserscheinung, denn es war eine wirkliche menschliche Seele und eine
wirkliche meuschliche Hand und cin wirklicher schöpferischer Wille, unker
deren Macht dieses allcs geschah. Wohl war viel Nakur und Notwendig-
keit dabei: durch die breiten Fenster reichte die von der Morgensonne schim-
mernde Schneelandschaft schier bis in die Stube und übergoß die dunklen
Bücherschränke mik ihrem Lichte. Es standen die Arbeitstische uud Bücher-
schränke, einst hingestellk nicht nach den Forderungen künstlerischen Geschmacks,
sondern nach den Notwendigkeiten geordneker Arbeit, nun aber emporgehoben
durch irgendeine geheimnisreiche Tak, wie umgcordnet und umgeschasfen, als
hätten sie sich unsichtbare Hände gereicht, als wollten sie eben gerade ihre Füße
heben zu einem Reigen. Es war wie in dem Augenblicke, in dem der Tanz-
meister die Hand schon emporgehoben hält als Zeichen zum Tanz, und im
ganzen Saale ist der Atem angehalten. Mein Gotk, die alten Kirchenväter
dork im Schrank, die dicken Bände des Herderschen Kirchenlexikons, die stolzen,
feinen Bände der Realenzyklopädie für protestantische Theologie, Wilperks
Katakombenmalercien und Mosaiken und Gemälde der altchristlichen Kirchen
Roms waren mit hineingerissen in die Stimmung! Sogar mein ernster Freund,
dessen Bild ich wegen all der Kreuzesschwere seiner lehken Jahre unter mein
Kruzisix gehestet hatte, ach, und auch der seligc Papst Pius X., der mir in
meinen jungen Priesterjahren seinen Segen unter sein liebes Bild geschricben,
und was sonst noch Menschenantlih hatte im Zierat meines Arbeitszimmers,
sagke ein sreundliches Za dazu. Und es lachte das Blau des Mittelmeeres aus
einem Bild deö Kapnzincrklosters von Amalsi und das Grün der pontinischen

Sümpfe und das Grau der Vorfrühlingskampagna-

Weil eine Mcnschenhand mikten in die Natur und Notwendigkeit der Arbeits-
stube einc kleine, bauchige, schimmernd klare Kristallvase mit drei rotvioletten
Alpcnveilchen und ein wenig Spargelgrün gestellt hatte. Nein, nicht wegen
des Skellens, sondern weil die Seele dieser Hand von allen Farben und Wesen,

Maiheft 1927 (XXXX, 3)

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