Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

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wäre, wenn sie ihre Erlösung aus sich selbst heraus nicht im Don Ouijote gesunden
hätte. Somit ist das Buch als Deutung eines inwendigen Spanien ein Kulturwerk
hohen Ranges, dessen Sprachkraft, gleichweit von Berfuhrungen zum Poetischen wie
von kalter Analyse, immer in stimmungsvoller Seelenwärme ein Geheimnis der
menschlichen Seele erschließt.

Über Schott und Lucka ist ein Fortschritt nur möglich, wenn die aus dem Hauch
der Landschaft sich oon selbst spinnende Reslepion nicht als solche festgehalten wird,
sondern wiedcr zum Ursprung zurückkehrt und wieder Dust und Hauch wird. Diese
höchste Forderung wurde bisher nur von einem einzigen Reisebuch ersüllt, ich meine
Carl I. Bnrckhardts „Kleinasiatische Reise" (Bremer Presse, München). Nicht daß
Burckhardt an Tiese des Gemüts und der Gedanken die erwähnten Leistungen über-
träse — oielleicht ist ihm Lucka gedanklich unö Schott im Jntuitiven überlegeu —,
aber gerade daS hauchartig Geheimnisoolle des Fremden, unsere Unzulänglichkeit, es
poekisch oder sinnlich zu ersassen, und die Erhabenheit, wo Großes uns in sremden
Kultsormen erschauern läßt, das alles sügt sich so wunderbar und ergreisenö zu-
sammen, daß dieses Buch zu den beseligendsten Erlebnissen der letzteu Zeit gehört.
Burckharöts makellosc Prosa, die nirgends einen salschen Ton kennt, uirgends ein
Erschleichnis durch die Metapher, zeigt den Adel einer Gejmnung, öie sich bewußt
einer Verautwortung ist, etwas Vollkommenes zu schasfen.

Zum Abschluß möge noch ein Landschastsroman „Die Derlorene Stadt" von
K. M. Kaufmann (Berlag Germania, Berlin) erwähnt werden. Der Der-
sasser ist AuSgraber von Menapolis im Nildelta, ein kluger, des Arabischen kun-
diger Mann, der lebendige Bilder aus der Wüste entwirst, sich aber leider ver-
lciten läßt, einen Liebeöroman einzuslechten, der sich bemüht, der Marlitt den Rang
abzulausen. Doch wo Kaufmann in seinem Element ist, da lauscht der Leser aus:
ein ganz unbekanntes Ägypten ersteht vor uns, ein koptisches Wüstenkloster, Fest-
und Alltag der Beduinen, die ausgegrabene Menasstadt. Das alles ist herrlich ge-
schaut, aber die eigentliche Romanhandlung steht aus sehr schwachen Füßen. Die
großen ethnologischen Vorzüge des Buches lassen es bedauern, daß kein einheitliches
Kulturbild geschassen wurde.

Dic Möglichkeit deS LandschastsromanS wurde schon früher bei den Franzosen an-
gedeutet. Pierre Loti und Claude Farrere können als Anfänge aus diesem Gebiet
gelten. Für die deutsche Dichtung liegt ein großes Feld ossen. Seit Charles Seals-
sield ist kein Landschastsroman großen Stils geschassen worden. Unser Blick muß
immer umfassender werden. So ist zu erhossen, daß die Ferne ihre Schätze zur
Bereicherung unserer Seelen den Dichtern der Zukunst in immer reicherem Maße
darbringen wird. DaS Bestreben, den Reisebericht immer bewußter in Kunst umzu-
gießen, läßt eine neue, weltumsassende und innerlich reise Dichtungsart erhossen,
die den deutschen Geist stark befruchten wird.

Umschau

Kulturnervosttät

er moderne Mensch hat die äußere
Welt durch Technik und planmäßige
Organisation allzu schön in Ordnung ge-
bracht, um nicht auch Lust zu verspüren,
in die Welt der geistigen Werte eine Art
folgerichtiger Ordnung, so etwas wie
eine rationale Aufwärtsbewegung hin-
einzukomponieren. Jn der übersehbaren

Sphäre der Technik des äußeren Lebcns
besteht eine schöne Entsprechung zwischen
dem Bedürsnis der Gesellschaft und der
schlagfertigen Antwort, die bald darauf
irqendwo in der Welt ein Erfinder gibt.
„Schneller, schnellcr" wünschen es sich
Millionen Großstädter, und sie können
gewiß sein, daß ihre Sehnsucht von ir-
qendeiner Automobil- und Flugzeugsabrik
schon vorweggenommen wird. Nimmt cs

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