Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

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gestregen, zeigk das Schlagwork: „Der Lehrer soll Künstler sein" — sicher
von einem ersunden, der weder von der Kunst, noch vom Künstlertum eine
halbwegs genügende Einsicht besitzt. llnd trohdem kann und muß man sür
die Kunst erziehen, alt und jung hiesür erziehen und durch sie erziehen. LeHLeres
am besten dadurch, daß man die Kunst als Kunst wirken läßt und sich für ihr
Verständnis immer mehr befähigk. Je mehr es einer lernt und gelernt hat,
das Kunstwerk rein als Kunstwerk zu werten und zu genießen, desto mehr wird
er den Kreis der ihm zugänglichen Werke erweikern und sich ihnen überlassen
dürsen. Nmr wo man nicht sicher ist, daß die Wirkungen des Kunstwerkes
sich in den Grenzen der Kunst halken, hat man die Pflicht, zu prüfen, ob jene
weiteren Wirkungen den anderen Werten, vor allem den siktlichen sördernd
oder schädlich sind. Solche außerkünstlerischen Wirkungen gibt es zweisellos
— durch die Schuld der Künstler, die die Kunst in solchem Sinne mißbrauchen:
ob sie es aus dem Drange der eigenen Problematik, gleichsam nngewollt, oder
absichtlich tun, ist für die Wirkung gleichgültig. Iedenfalls gefährden sie
damit auch die Freiheit der Kunst, die deren oberstes WirkungsgeseH ist. Man
darf deshalb auch vom Standpunkt der Kunst, nichk nur vom Standpunkt der
Kunstpolitik, Kunstpädagogik und Kunstdiätetik aus, gegen solcheWerkeimInter-
esse der allgemein menschlichen Werke Front machen; ja, man muß es sogar.
Das llrteil in solchem Fall kann nakürlich nicht irgendeinem Verwaltungs-
beamten oder Richter überlassen werden, auch nicht den Künstlern, die viel-
sach die 2lrt anderer nicht verstehen, ebensowenig den Kunstlikeraten, die dem
Leben allzu vielsach verpslichtet und von ihm hmgerissen sind; es kann nur
ein in Kunstdingen wirklich erprobter Kunstsreund, -sammler oder -gelehrter
von Rang und Kultur sein, der hier als leHte Instanz in betracht kommt. Rta-
türlich kann im einzelnen Fall troHdem ein Fehlurteil crgehen, abcr das ist
auch sonst in menschlichen Richtersprüchen unvermeidlich: das Ganze ist wich-
Liger als der Teil.

Soll unser 22olk die Macht der Kunst wieder an sich erfahren, muß ihm die
Kunst etwas Hohes und Wunderbares sein, ehe es sich ihr auch nur naht. —
Weiteren Kreisen die Kunst als hohes Lebensgut zum Bewußtsein zu bringen,
schien uns wichtiger als konkrete Winke zu geben, die wir sür später vorbehal-
ten wollen. Im übrigen dienen unsere Musikbeilagen, Losen Blätter und Bild-
deutungen schon längst der Einführung in künstlerisches Berstehen nnd Erleben.

Rainer Maria Rilke

Von Paul Alverdes

Die Dichter müsse» auih

Die geistigen weltlich seyn. sHölderlin)

^H^äre Rainer Maria Rilke abgeschieden, ohne die Duineser Elegien voll-
"^-^-Nndet und der Nüchwelt übergeben zu haben, so hätke sein Tod die
deutsche Poesie ungleich ärmer zurückgelassen, als sie es nun, nnt dem Ber-
mächtnis dieser zehn großen Gedichte von dem Menschcn und seiner Welk
in den Händen, sein dars. Ohne sie hätte allerdings sein Werk etwas vom Frag-
mentarischen an sich, und jene Grabredner, die ihm jüngst ihre Schaufel Sandes
nachstreuten mit dem Bemerken, man beweine hier den leHten Fürsten der De-

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