Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

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leeren — sonst leben wir nicht unser Leben, nichk das Leben der Kreakur,
der dies bestimmk ist, sondern ein beliebiges, menschenerfundenes Leben. Es
gibk eine Erziehung nur des Unbenennbaren in uns. Der Mensch will die ge-
gebenen Tiefen der Welk nichk fehen, er machk fich künstliche Tiefen, die nie-
mals die wahren an Einfachheik und Ernst erreichen. Wir, die wir nichk
Welkschöpfer find, wir find immer fleißig, Gokkes Handwerk zu kreiben. Viel-
lcichk soll uns diese Erkennknis die herbe, furchkbare Einmaligkeik, die Un-
wiederbringlichkeik der Skunde lehren. — Lehre uns bedenken, daß unsere
Erde sterben wird, daß unsere Sonne sterben wird, damik wir nichk nach
Zeik, nach Sinn, nach Zwecken fragen in deinen lehken Bereichen. Damik wir
begreifen, daß es fnr uns das JeHk gibk, das mahnendc JeHk, dem wir genug-
kun müssen; das durch keinen Glauben, kein Wiederkommen sich erleichkerk;
dem wir durch keinen Glauben, keine Unsterblichkeik, kein Wiederkommen
enkgehen können, in denen allen der Mensch das ZeHk nachholen will, das ihm
auferlegk ist und das er nichk kragen will.

Zn diefem Genugtun dcm ZeHk magst du über Gokk und Ewigkeik erfahren
— wenn du nur auf sie hinstarrst, sprichk sie nichk.

Der Mensch muß lernen, daß er nichk isk von selbst; daß cr sich nichk
geschenkk ist; sondern daß er in jedem 2lugenblicke sein muß, als Tat. Jch
sagc nichk: werden muß, ich sage: sein muß. Zu sein ist die Tak. Die Menschen
wollen es nehmcn, daß sie sind —> es nimmk sich nichk; das Leben, das
Sein handelk sich nur.

Diese Welk verlangk die Schwindelfreihcik — jede Welk verlangk sie —
auch die alke, geschlossene Welk hak fie verlangk und nichk gefunden: die
Theodizeen bekennen es, die sie fester schließen wollken. Nmr vor der großen
Predigk „Liebe dcinen Nächsten als dich felbst", vor der es uns wohl häkke
schwindeln sollen, hak es uns nichk geschwindelk; es könnte uns schwindeln, zu
denken, daß wir es vermögen sollken — schwindeln, das Unausdenkbare zu den-
ken: wie die Welk aussehen möchke, wenn wir uns liebken. Pesus, der Reiche,
und einige Kostbare, wie der heilige Franziskus, predigen die Liebe, weil sie
sie hakkcn, weil sie sie waren, wcil sie sie leben. Wir andern predigen sie
eben gerade aus der schmerzlichsten Nok und Trostlosigkeik, daß wir sie nichk
vermögen. TLeil wir dcn Haß verzweifelk nähren, prcdigcn wir verzweifelk
die Liebe. —

MyLhos und Geschichte

Von Georg Lange

der Auffassung Hegels sind Mykhos und Gcschichte zwei durchaus

^ ^ zeiklich gekrcnnke Gebieke, so zwar, daß die Geschichke dcm Mykhos zeiklich
gefolgk sei. Diese im Grunde rakionalistische Meinung hak das neunzehnke
Iahrhunderk überdauerk, und noch heuke herrschk — in der Wisscnschafk wie
im Volke — die Ansichk, der Mykhos sei ckwas weik Zurückliegendes und die
historische Welkauffassung uns Heukigen allein nakürlich, eine Ansichk, die in
der allmählichen Historisierung, das heißk Auflösung aller Mykhik, ihre Höhe
erreichk. Wahr ist nur, daß Mykhos und Geschichke zwei Welken sind, die
sich gegenseikig ihrem Sinne nach ausschließen. Für Hegel fällk Geschichke

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