Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

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Umschau

Die Nolde-Aussiellung in Dresden

ist als Ehrung sür den Künstler gedacht,
der jetzt m das siebente Jahrzehnt seines
Lebens tritt. Jhre Eröfsnung vollzog
sich rnit dem dekorativen Gepräge, das
anch Unternehmungen von rveniger
Mark und Nachdruck heute nicht glau-
ben entbehren zu können: Reden, osfi-
zielle Persönlichkeiten, Musik. Daß die
in Dresden besonders unerfreulich aus-
fiel, darf auch nicht nur als Einzelfall
gebucht werden. Es wird zurzeit vor
und mit Bildern allzu viel taktlose Mu-
sik verübt, und selbst vor Hölderlins
Hymnen schreckt das Regiebedürfnis nicht
zurück, wie anderweit geschah. (Darüber
gelegentlich ein ernstes Wort!) Jn mehr
als zweihundert Bildern rollt und braust
das schwere Bauernblut deS Schleswi-
gers durch die Säle. Wie bei dem
Sohn der Waterkant, der einst neben
und dann gegen Liebermann in den
Reihen der Berliner Jmpressionisten
stand, der Umschwung zu der schweren
Form sich vollzog, das ofsenbart sich in
dieser Schau, der bisher umfassendsten,
mit überwältigender Deutlichkeit. Die
Kette reicht von i8gz, Bergriesen,
bis 1926 — das letzke Jahr ist mit
nicht weniger als zehn Gemälden ver-
treten. Da ist auch ein „Simson", eine
gelbe Diagonale von schemenhafter
Furchtbarkeit. Der „Geblendete Sim-
son", den man in diesen Wochen unter
den Bildern Lovl's Cormths auf der
Brühlschen Terrasse sehen kann, ist etwa
eine halbe Generation älter. Wen es
reizt, der mag an den beiden Bildern die
ewige Wandlung des Sichtbarlichen und
Seherhaften bewundern. Das Neben-
einander der LebenSwerke der beiden
Norddeutschen, wie es ein verehrens-
werter Zufall jetzt hier geschaffen, ist
unendlich lichtvoll. Es ist eine geist-
reiche Demonstration, der zu folgen man
nicht müde wird. Auch vor Corinth
kommt man ohne den Begriff des Dämo-
nischen nicht ganz aus. Und es gibt
Leute, und nicht nur die unvermeidlichen
Snobs, die da, wo der körperliche Zu-
sammenbruch das Gefäß der Malcrei
dem Künstler fast zerschlug, reine Glut
des Seelischen am brennendsten zu spüren

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meinen. Bei Nolde steht der Maler
deutlicher im Brennpunkt äußerer und
fernerer Komponenten. Auch schon bevor
er >n der Sonne, der Südsee seine Far-
ben auf die absoluten Urtöne hin revi-
dierte, hat er eigentlich mit dem impres-
sionistischen Spektrum gebrochen. Jn der
Maria Ägyptiaca, in dem großen Le-
ben Christi von 1912 ist der Umschwung
zum primitiven Christentum der Farben-
vergottung schon vollzogen. Die See-
len- und Naturgewalten aber, die sich
dem unwandelbaren Heidensinn deS nor-
dischen Menschen aus dem ewigen
Kampfe der Elemente verkünden, legcn
ihre dunkeln Hände auf den religiösen
Drang Lieser Schattenwesen. Den „hi-
storischen Sozialismus auS der Kata-
kombe", um mit Meier-Graefe zu reden,
hat Nolde aber nicht nur dort, wo er
das Alte und das Neue Testament malt.
Merkwürdig genug: auch wenn er Gauk-
ler und Schlangenbändigeri'nnen, ja wo
er Kinder und Blumen als Thema wählt,
bleibt der DualismuS: Programm und
Ekstase, meinetwegen: Krampf. Jch
kenne die Südsee ein wenig. Der Him-
mel hat mich davor bewahrt, sie mit
den Augen Noldes zu sehen. Aber mag
daö Neuguinea-Erlebnis eine Episode blei-
ben. Berkörperung einer unerschütter-
lichen, alle Grenzen des Überkommenen
sprengenden Gestaltungsleidenschaft, mit-
zulieben, mitzuhassen stets gleich bereit —
das ist für ein Menfchenleben wohl
genug. E. HaeneI

Trübner-Aussiellimg

ank der vereinten Bemühungen der
Herren Storck (Karlsruhe) und Barth
(Basel) hat dieses Jähr, zehn Jahrc
nach dem Tode von Wilhelm Trübner,
in der Kunsthalle in Basel die erste Ge-
dächtnisausstellung für ihn stattgefunden,
mit etwa IZO Bildern und zeichnerischen
Studicn.

Aus allen Epochen von Trübners Schaf-
fen war Wesentliches zusammengetragen,
und der Eindruck der Ausstellung war
vollständig und stark.

Trübners künstlerisches Bestreben geht,
zunehmend mit der Überwindung srem-
der Einflüsse, auf die Wiedergabe der
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