Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

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kung wird erwartet und gewünschk, und der Kreis der möglichen Wirkungen
wird nichk nur auf einige ausgewählte beschränkt. Es wird damik anerkannk,
daß von den verschiedenen Zwecken her eine verschiedene HalLung der Musik
bedingL isi und verschiedene WirkungsmiLLel zu bevorzugen sind.

Suchen wir aus unserer UnLersuchung ein vorläufiges FaziL zu ziehen, so cr-
gibL sich, daß die BedeuLung der idealißischen BeLrachLungsform in der Her-
ausarbeiLung und AusgesialLung der Ideen liegL, denen bekannLlich die Rolle
regulakiver Prinzipien zukommL. Auf diese Rolle haL sie sich allerdings unLer
Vermeidung vou Übergriffen zu beschränken. Die phänomenologische BeLrach-
Lung hingegen wird mehr und mehr BedeuLung gewinnen für die systemaLische
und werkende AstheLik, sie wird das Kunstschaffen beeinflussen können und vor
allem von größter WichLigkeiL für die Pädagogik aller ArL sein.

Welt und Gegenwelt

Bemerkungen über das Künstliche
Von Wilhelm Michel

t>/nn Traum aus meiner IugendzeiL drehke sich mehrfach um einen HabichL,
^-^der ein lebendiges und doch auch zugleich ein künstliches Wcsen war. Er flog
in meinen Traum herein, er saß auf einem Baum und schlug mik den Flügeln.
2lber diese Flügel und sein Körper überhaupL bestanden aus rokem Samk,
der miL Schnüren runder Goldblätkchen und mik Goldstickereien beseHL war.
Im Laufe der Iahre konnte ich beobachken, daß ähnliche MoLive in meinen
Träumcn ofk wiederkehrLen, MoLive, bei denen es sich darum haudelke, daß
ekwas Lebcndiges den Schein des Toten oder ekwas Tokes, Gemachkes den
Schein des Lebens annahm. Es schlugen sich eigenkümli'che Berbindungen
zwischen Tod und Leben, Verbindungen, die auf der Linie der Maske, der
Puppe, des Automatentums oder, allgemeiner gesagk, auf der Linie des
Künstlichen lagen. So zeigke mir im Traum ein Iuwelier kostbare Ringe.
2lber die kostbarsten bewahrte er in einer kleinen Truhe auf, und als er diese
öffneke, zeigke sich, daß die Ringe, die darin waren, an Fingern und Händen
saßen, die nach 2lrL von Mumiengliedern einbalsamierk und aufs sorgfälkigste
gcpflegk und geschmückk waren. Rkach einigem Hinsehen fingen die Hände an,
sich zu bewegen; die Finger dehnten und spreizken sich, wie um die Ringe, mit
denen sie besehk waren, besser in die 2lugen spielen zu lassen.

In ähnlicher RichLung bewegken sich andere Träume, die dadurch charakteri-
sierk waren, daß sie irgendein lebendiges Geschehen in einer anmutig faß-
lichen und gleichsam Lrockenen Symbolik vorführten; in einer Symbolik, die
dem Lebcnsvorgang die naturhafke Frische und UnbegreiflichkeiL nahm und
ihn dafür in dic Sphäre einer spielzeughaften 2lnschaulichkeiL rückke. So be-
fand ich mich im Traum in dem Hof der Burgruine, die auf einem Berg
über meinem Heimatdorf liegk. Ich erwartete den 2lbend. Plöhlich klang
von oben ein heller, voller Ton, als würde eine gläserne Glocke angeschlagen,
und sogleich wußke ich, daß dies das Zeichen zum Abendwerden war. In einer
Eckc des Burghofes war eine kleine, spitzbogige Pforte, die dunkel ins Ge-
mäuer hineinführte. Beim Erklingen der Glasglocke löste sich diese spitzbogige
Flächc Dunkelheit sofort von der Mauer ab und kam auf mich zu. Da sah

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