Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

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lich für ihn von den Kühen auf den Koppeln der Bauern abgemolken hatten;
fie waren sicher weik darum gelaufen.

2lls er am Abend des zweiken Tages nach dem Skeg hinunLerging (er ging späL,
damiL er nichk zu früh käme), knurrLe sein Leib und sein Sinn war sehr düfter.
Er fand alles wie zuvor. Ungläubig sah er in die Gefäße hinein: sie waren leer
wie geficrn. Er wendeke sie um, sah von neuem hinein: sie blieben leer.

Da stöhnke der Wingulk auf, wild und Lief. Die umgestürzLen Gefchirre in den
riesigen Händen halkend, wandke er sich dem Duukel zu, in dem die deukfchen
Posten lagen, die VorLruppen, die Heere und dahinker weik ein Volk' und ein
Land, in dem er einst ein Kind war. Er reckLe sich aus und brüllke wie ein un-
geheures hungriges Tier über alles dies hin in die Nücht. Dann ließ er die
Gefchirre fallen.

Danach Lrat er zu dem Leichnam des kleinen Fähnrichs am Ende des Skegs.
Er war steif von der Skarre des Todes. Der WingnlL hob ihn aus dem Schilf
und nahm ihn unter den Arm wie ein BrekL. Er wandke sich um und fchriLL
über die fchwankende Kadaverbrücke zurück. Pkahe der Mitte blieb er noch ein-
mal halten. Er legke den Leichnam behuksam vor sich auf die Planken und blickte
zurück. Wie einer mik seinem besten Skücke Abfchied nimmk, nahm er einen
mächkigen Schluck aus dem Behälknis an seiner Seite. Einen Augenblick lang
fahen die von seinem Gebrüll aufgefchreckten Posten im Schein eines flam-
menden Gewölks die riesenhafke Gestalk eines Mannes auf dem Wasser stehen.
Dann verfchwand die Erfcheinung. Der Wingult aber fchlug mik der flachen
Hand den Pfropfen fest in den Hals der Flafche, nahm den Leichnam vor sich
von der Brücke und drehke dem Bolke, dem er gedienk, den Rücken. Er würde
andere Dienste nehmen, dachke er dumpf. Langsam und versunken ging er mit
seinem koken Freunde unker dem Arm hinüber; feindwärks; ins Dunkel.

Tribüne

Wissenschaft

Offener Bri'ef an Frank Thieß
von Hermann Herrigel

^^n Jhrem Buche über das Gesicht des JahrhundertS finde ich ei'nen Brief über
^Hdie Wissenfchaft, der mich zum Widerspruch rei'zt, wei'l ich darln nicht bloß Jhre
persönliche, sondern eine typifche Auffassung erkenne. Das berechtigt wohl einen
offenen Brief. Fch nehme an, daß es Fhnen >an zustimmenden Antworten nicht
gefehlt hat, ja ich könnte mir denken, daß Jhnen etwas angst dcwor geworden ift,
und daß Jhnen daher eine widersprechende Antwort, auch wsnn sie verspätet ist,
nicht unrecht kommt. Bon Gustav Roethe, dem Adressaken Jhres Briefes, werden
Sie wohl kaum Antwork erhalten haben. Fch fchicke voraus, daß ich mich nicht berufen
fühle, für ihn Antwort zu geben, daß eS mir auch ferneliegt, hier für Roethe eine
Lanze zu brechen. Fch habe ihn als Gelehrten nicht gekannt. Aber ganz abgesehen
davon, handelt es sich mir auch nicht um Roethe, svndern um die Wissenfchaft.
Diese Scheidung sei' betont. Besagt die ärgerliche Außerung Roethes („Daß mir
keiner kommk, der nochmal zwei Wissenfchaften zusammcn belegen willl"), die frci-
lich nicht zu entschuldigen ist, die ich aber auch nicht allzu tragifch nehmen möchte,
etwas gegen die Wissenfchaft oder nicht höchstens etwas gegen Roethe; und nicht

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