Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

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und alle lebendigm und angeblich „Loten" Dinge fortwährend diese große Mühe
mit uns, siünden wir nicht ununterbrochen in ihrer Schule, so wäre es um
unsre geisiige Herrlichkeit bald schwach besiellt. Der Beweis dasür liegt darin,
daß der Geisi in der Einsamkeit alsbald auswuchert und krankhaste Bildungcn
aus sich hervortreibt, die zu seinem Absierben sühren. Was den Bergsieiger
aus dem spiHen Grat, den Cäsar in der Einsamkeit seiner Macht, den Ge-
sangenen in der Leere der Zelle pathologisch ergreift, der Schwindel, der Wahn,
die Berkümmerung — das deutet gleichermaßen daraus hin, daß wir die Ein-
samkeit nicht vertragen und daß es keine vollendete Autarkie des Menschen gibt.
Unsere Form entartet, unsre Begriffe erkranken, die Gerüsie unsres Daseins
weichen in den Gelenken, wo nicht Ding und lllebenmensch durch ihre Exiffenz
korrigierend, anreizend, Stand und Grenzen gebcnd aus uns cinwirken, mit
Warnungen und Lockungen.

Wir sind auf die Gesellschast von Menschen und Dingen angewiesen, wcil
sie zuglcich mit uns und wir zugleich mit ihnen gedacht und geschaffen sind.
Wir sind von vornherein, lange ehe das Ich m uns erwacht und in die Ein-
bildung seiner Autarkie sällt, als Angehörige einer Gemeinschask geplant und
entworsen. Der Zng zum Nlebenmenschen, der Zug zu allem, was außer uns
und ohne uns exisiiert, isi unser gesündesier, positivsier Zug, weil er im Sinne
dieser uransänglichen, unaushebbarcn Koordination isi. Fedes echke Wort, das
wir mit einem Menschen tauschen, belehrt uns, daß wir niemals anders konzi-
piert waren denn als Besiandkeile einer Gemeinsamkeit; sonst könnte das Spre-
chen, das Hören wie das Mitteilen, das Angeregtwerden durch das Wort wie
das Prägen im Wort nicht die kiesgehcnde, sasi sakramentale Wirksamkeit ent-
salten, die wir alle kennen.

So gilt für jede Art unsres Lebendigseins das Wort, das Goethe einmal zu
Schopcnhauer sprach. Der Philosoph entwickelke vor Goethe bei einer persön-
lichen Begegnung die erkenntniskritischcn Grundgedanken scines idealisiischcn
Syffems. Die Sonne, mcinte er dabei, sei nur insoserne da, als wir sic sähen;
wenn wir sie nicht sähen, so wäre sie nicht da. Da unterbrach ihn Goethe,
klopftc ihm aus die Schulter und sprach: „Nein, mein Lieber, Sie wären
nichk da, wcnn dic Sonne Sie nicht sähe!"

GogarLens „Jch glaube an den dreieinigen GoLL"

Von Albert Trentini

^^n Gogartens AufsaHreihe „Die religiöse Enkscheidung" (1924)*, und in
^,)der weiteren, „Jllusionen, Eine AuseinanderseHung mit dem Kulturidea-
lismus" (1926), mußte, wer nicht schon völlig blind und taub war, bereits
die Worzeichen des Gewitkers erkennen, das nun in dicsem neuen Buche „Ich
glaube an den dreieinigen Gott" wie aus endlich entffauten Schleusen herab-
prasselt. Gewitter? Mehr! Ein Gericht! Allerdings, der es abhält, iff Luther-
Iünger vom oberffen Grade der Eingeweihtheit; ist prokeffantischer Psarrer,
und Glaubender an die Gottheik Iesu Chriffi. Die spezisische Bcdeutuug dieses
Gerichts wird sich also wohl nur jcnen offenbaren, die auch ihrerseiks auf der
Ebene dieser drei VorausseHungeu leben. Weshalb denn diese lutherisch-prote-
' wie die folgenden Werke im Verlag Eugcn Diederichs, Jena, erschienen.

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