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1. Lebensgrundlagen

B. Der Mensch

In diesen unterschiedlichen Biotopen mit wechselndem Klima, Flora und Fauna fand der
Mensch in allen Zeitabschnitten eine Grundlage, nicht nur zu überleben, sondern, indem er sich der
Umwelt anpaßte, eine Basis, sein Leben zu gestalten und aus der Vielfalt des in der Natur Vorhan-
denen zu wählen.
Nur an vereinzelten, günstig gelagerten Plätzen und im Verlauf systematisch durchgeführter
Untersuchungen ist es möglich, diese Wahl des Menschen deutlich zu erkennen. In dem Raum
zwischen Harzrand und Aller liegen für die Zeit des ausgehenden Paläolithikums und Mesoli-
thikums keine solchen Untersuchungen vor. Es wird deshalb auf Grabungen an anderen Stellen in
Norddeutschland und Nordeuropa Bezug genommen. Für die verschiedenen Abschnitte der Tun-
drenzeit mit den eingeschobenen wärmeren Zwischenzeiten erlauben es die nördlich von Hamburg
im Ahrensburger Tunneltal von RUST (1937, 1943, 1958) und TROMNAU (1975 a. c) durchge-
führten Grabungen, ein differenziertes Bild zu entwerfen. Auch mesolithische Stationen wurden er-
faßt. Am eindruckvollsten bleibt aber die Grabung von Star Carr. Andere Untersuchungen auf
sandigem Gelände konnten gelegentlich ergänzende Einzelheiten beisteuern, doch sind die Erhal-
tungsbedingungen für organische Überreste allein unter Luftabschluß im Wasser so günstig, daß man
die Lebensverhältnisse jener Gruppen von Menschen an solchen Plätzen in vielen zusätzlichen
Aspekten erschließen kann und ein großer Teil menschlichen Tuns und Treibens, nie aber die Ge-
samtheit, sichtbar wird. Auch wird die Wahl dort deutlicher, die der Mensch zu verschiedenen
Zeiten in wechselnder Form traf. Die Einlagerung der Kulturschicht(en) in das Kalendarium der
niedergegangenen Pollenstraten gestattet zudem die Datierung auf naturwissenschaftlicher Grund-
lage, die in diesem Zeitraum weit präziser ist als die archäologische Zuordnung und Datierung
nach Ausweis der verschiedenen Gerätformen.
So zeigen die Tierknochenfunde von den Grabungen von Meiendorf (RUST 1937) und aus der
Hamburger Schicht von Stellmoor (RUST 1943), die beide nach der Lagerung in der Pollenabfolge der
älteren Tundrenzeit angehören und als Reste von Sommerlagern zwischen Juni und September zu
deuten sind, daß das Rentier die Hauptnahrungsquelle für diese Jäger war. Von diesem fand man
in Meiendorf mindestens 71, in Stellmoor wenigstens 41 Exemplare. Sie wurden angefangen beim
Mark in den Röhrenknochen über das Gehirn bis zum Fleisch vollständig verzehrt, während
Rippen und Geweih zu Geräten weiterverarbeitet wurden und auch das Fell wohl Verwendung
fand. Daneben waren in Meiendorf (KRAUSE in: RUST 1937) noch der Singschwan, der Kranich
und das Schneehuhn als Jagdtiere beliebt, wie die von mehreren Tieren vorliegenden Knochen oder
Brustbeine mit Einschußstellen zeigen; vielleicht wurde auch der Schneehase und die Gans hie und
da gejagt und ein Wildpferd, das man verendet gefunden hatte (?), nicht liegengelassen, sondern
seine Knochen genutzt. Dem Elch aber und den kleineren Raubtieren wie Fuchs, Dachs, Gulo,
Bisamspitzmaus wurde nicht gezielt nachgestellt, ebensowenig wie Möwen, Enten, dem Tüpfel-
sumpfhuhn, dem Lemming oder rötlichem Ziesel — sie alle sind in dieser Fundschicht nur je einmal
bezeugt und kennzeichnen die Tierwelt der baumlosen Steppenlandschaft, nicht aber die
Ernährungsbasis des Menschen. Die Bindung dieser Jäger an das Rentier war so stark, daß sie
die riesigen Rentierherden auf ihren jahreszeitlichen Wanderungen über Hunderte von Kilometern
von einer günstigen Weidefläche zur nächsten folgten (vgl. HERRE 1955).
Wesentlich anders bot sich die Landschaft und die Tierwelt bereits den — vielleicht infolge der
Erwärmung vom Südwesten nach Norden vorgedrungenen — Leuten der Federmesserkulturen (der
Wehlener und Rissener Gruppen) dar, deren Flintgeräte deutlich Anklänge an Inventare des
Magdalenien zeigen. Sie gehören zeitlich in die warme Zwischenzeit des Alleröd, in der Birken und
auch Kiefern vorkommen (SCHWABEDISSEN 1957). Es ist zu vermuten, daß in diesen lichten
Wäldern bereits Rothirsch und Reh gejagt werden konnten. Bei Grabungen in Thüringen ist

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