Koninklijke Nederlandse Oudheidkundige Bond [Editor]
Oudheidkundig jaarboek — 3. Ser. 3.1923

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EIN NEUGEFUNDENES GEMAELDE JAN VAN SCORELS.

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EIN NEUGEFUNDENES GEMAELDE JAN VAN SCORELS.

(RUTH UND NAEMI).

Die Abteilung althollandischer Gemalde des Wiener kunsthistorischen Museums,
worunter sich schon von Alters her so hervorragende Werke befunden haben, wie
Geertgens tot Sint Jans beide Flügel mit der Beweinung Christi und der Geschichte
der Gebeine Johannis des Taufers und Jacob Cornelisz’ Hieronymus-Altar, konnte
erfreulicherweise in der letzten Zeit durch einige Stücke bereichert werden, die
geeignet sind, den alten Bestand zu erganzen. Allgemein bekannt ist das liebens-
würdige, durch die naiv poëtische Art der Erzahlung reizvolle Gemalde der Geburt
Christi von dem sogenannten Meister der Virgo inter virgines, das aus
der Somzéeschen Sammlung in Brüssel (versteigert 1904) stammt und auch in
Max J. Friedlanders grundlegendem Aufsatz über diesen Meister (Jahrbuch der
königlich preuBischen Kunstsammlungen 1910) aufgenommen und abgebildet ist.
Wahrend dieses Bild im Tauschwege gegen zwei für Danemark interessante Portrate
erworben werden konnte, gelangte durch ein wertvolles Legat des allzu früh ver-
storbenen, vortrefflichen Wiener Kunstgelehrten Oswald von Kutschera ein zweites
Werk Maerten van Heemskercks in die Sammlung, ein mittelgrofies Gemalde
mit der Darstellung der Gefangennahme des Liebespaares Mars und Venus, interessant
und anziehend durch die kunstvolle Komposition, die lebendig anschauliche Erzahlung
und die eigentümlich bizarre Formengebung der reifen Zeit dieses heute mehr als
früher geschatzten Künstlers (abgebildet bei Hans Tietze, Wiener Jahrbuch für
bildende Kunst V. 1922, S. 51). Endlich wurde aus dem Wiener Kunsthandel ein
neues Werk von Heemskercks Lehrer Jan van Scorel erworben, das den
Gegenstand dieser Zeilen bildet. Es ist das zweite von der Hand dieses Meisters,
das die Galerie besitzt. Die Erwerbung des wichtigen Gemaldes der Darstellung
Christi im Tempel mit der reichen goldverzierten Architektur, in der man Bramantes
ersten Bau von St. Peter hat wiedererkennen wollen, war im Jahre 1910 vorange-
gangen. Ueber diese Entdeckung, die durch die Erwahnung des Bildes in Van
Manders Schilderboek bestatigt wurde, haben wir damals in der Zeitschrift „Der
Cicerone” (II. 1910, S. 589) berichtet.

Der Gegenstand des neuen Bildes Scorels ist dem Buche Ruth entnommen,
welches — nach Goethes Worten — „bey seinem hohen Zweck einem König von Israël
anstandige, interessante Voreltern zu verschaffen, zugleich als das lieblichste kleine
Ganze betrachtet werden kann, das uns episch und idyllisch überliefert worden ist.”
Trotz der Vorliebe der Hollander für Vorwürfe aus dem alten Testament, einer
Vorliebe, die schon seit dem Anfange des 16. Jahrhunderts beobachtet werden kann,
kommt dieser Stoff, der mit seiner köstlichen Schilderung des Landlebens dem Maler
manchen Anreiz hatte bieten können, in dieser frühen Zeit, so viel wir zu sehen
vermogen, sehr selten vor; uns wenigstens ist kein altniederlandisches Bild dieses
Gegenstandes bekannt, und, abgesehen von Zeichnungen, Holzschnitten und Kupfer-
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