Schreurs, Anna; Ligorio, Pirro [Ill.]
Antikenbild und Kunstanschauungen des neapolitanischen Malers, Architekten und Antiquars Pirro Ligorio (1513 - 1583) — Köln, 2000

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III. Ligorio als Antiquar:
Zur Basis seiner Antikenstudien

A. Ligorios frühes
Aiitikenstudium in Neapel

Uber Ligorios Herkunft, seinen Werdegang und
seine Ausbildung in der frühen Zeit in Neapel ist
nur sehr wenig bekannt. Baglione1 berichtet, daß er
aus einer adeligen neapolitanischen Familie
stamme, die im „Seggio di Portanova" ansässig gewe-
sen sei und ihre Kapelle in der Kirche der Oliveta-
nermönche gehabt habe.2 Sehr allgemein fügt er
hinzu, daß Ligorio sich schon früh dem Studium
der Wissenschaften (Jettere") sowie der Zeichnung
und der Malerei gewidmet habe.3

Obwohl schon Baglione auch das frühe Interesse
Ligorios an den Wissenschaften erwähnt, wurde in
der Literatur bislang ausschließlich über seine Aus- .
bildung als Maler gemutmaßt.4 Bei der Frage nach
dem Beginn seiner Antikenstudien hingegen wurde
die Neapler Zeit völlig ausgeklammert.5 Anders als
bislang vermutet, nahmen seine antiquarischen Stu-
dien jedoch nicht erst in Rom, sondern schon in
Neapel ihren Anfang. Darüber geben zahlreiche
Textstellen in den Manuskripten des Antiquars Aus-
kunft, die auf sein frühes Antikeninteresse und -Stu-
dium schon in der Heimatstadt verweisen.6 Nicht
erst der Wechsel nach Rom motivierte demnach
seine antiquarischen Studien. Sie müssen, im Ge-
genteil, als kontinuierliche Auseinandersetzung pa-
rallel zur künstlerischen Ausbildung verstanden
werden. Zu vermuten ist, daß er eine Art „Zettelkas-

1 Baglione, 1642, S. of.

2 Neapel, S. Anna dei Lombardi, Marienaltar (Altar Ligorio)
von Giovanni da Nola, 1532 gestiftet von Alberto Ligorio; vgl.
Poeschke, II, 1992, Taf. 164, Kat.Nr. 164, S. 161.

3 Baglione, 1642, S. 9.

4 Antal, 1948; R. Keller, 1976, S. 109^; Theurillat, 1973, S. 74.
Podbrecky (1983, S. 7) stellt zutreffend fest, daß „das künstlerische
Ambiente, in dem Ligorio in Neapel möglicherweise eine erste Ausbil-
dung erhielt, nicht definiert 'werden kann, solange keine Werke aus der
Zeit vor 1534 bekannt sind".

5 Mandowsky/Mitchell (1963, S. 3) vermuten die ersten Anti-

ten" mit Notizen und Beobachtungen zur antiken
Kunst erstellte, die er später in Rom und Ferrara in
seine antiquarischen Manuskripte integrierte. Wie
umfangreich diese Notizen waren, und in welchem
Ausmaß Ligorio auch noch während seiner römi-
schen Zeit zum Antikenstudium nach Neapel
zurückkehrte, ist nur schwer zu klären. Ganz offen-
sichtlich verlor er das Interesse an der antiken Ge-
schichte seiner Heimatstadt auch in Rom nicht.
Zahlreiche Formulierungen lassen vermuten, daß er
auch von dort aus noch zurückkehrte, um das antike
Neapel und dessen Umland zu erforschen oder das
bisher Gesehene durch hinzugewonnenes Wissen
neu zu analysieren.

Auf dieses intensive Interesse Ligorios an den Ur-
sprüngen Neapels weist neben den vielen autobio-
graphischen Notizen eine Vermutung des Gelehrten
Antonio Agustin, die er in einem Brief 1559 an
Fulvio Orsini äußerte: Ligorio wolle sicher in einem
größeren Ausmaß sein Wissen über Neapel unter
Beweis stellen, da er doch in dieser Stadt geboren
sei.7 Einen Hinweis auf die Planung des Antiquars,
ein eigenes Buch über die Aitiken in Neapel und
Umgebung zu verfassen, gibt in der Tat der Titel
des „Libro XXXIV delle Antichita dove si trattano delle
cose di Napoli, Capua et Pottioli con altre cose di diversi
luochi" im Oxforder Manuskript, dem an dieser Stelle
allerdings nur zwei Seiten unzusammenhängender
Zeichnungen von Architekturdetails bzw. Inschrif-
ten folgen.8 Über die gesamten Manuskripte ver-

kenstudien in der Mitte der 40er Jahre, vgl. Kap. II. A.i., S. 23;
Podbrecky (1983, S. 22) nimmt an, daß Ligorio unmittelbar nach
seiner Ankunft in Rom begonnen hat, die Antike zu studieren,
und vielleicht seine Heimatstadt eben mit dieser Litention ver-
ließ.

6 Anhang, Nr. 487-493.

7 „Trovandomi in Napoli hopensato alMinotauro delle Medaglie di
questa citta, e credo il nostro M. Pjito non havea scritto cosa alcuna di
queste Medaglie quando vidi il libro s/w, forse aspettando di far gran
prove essendo di questo paese", Agustin, Opera, S. 233

8 BLO, Fol. 83r/v.

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