Schreurs, Anna; Ligorio, Pirro [Ill.]
Antikenbild und Kunstanschauungen des neapolitanischen Malers, Architekten und Antiquars Pirro Ligorio (1513 - 1583) — Köln, 2000

Page: 286
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VII. Ligorios Postulat:
der gelehrte und „virtuose" Künstler

A. Qualität durch Studium -
„Ohne Fleiß kein Preis"

Zusammenfassend ist festzustellen, daß alle Qua-
litäten, die Ligorio bei den antiken Künsdern und
den Kunstwerken des Altertums besonders lobend
herausstreicht, letztlich durch intensives Studium
zu erreichen sind. Die Regelmäßigkeit, Eindeutig-
keit und Harmonie der antiken Werke werde seiner
Meinung in der zeitgenössischen Kunst deshalb
nicht mehr erreicht, weil die Künstler nicht bereit
seien, aus den Vorbildern der Antike zu lernen. In
seinem Jahrhundert habe Raffael die höchste Stufe
der Kunst erreicht; seine Werke verkörperten all
diejenigen Ideale und Qualitäten, die der Antiquar
in der antiken Kunst beobachtete. Seine anmutigen
Gemälde dienen Ligorio als Ersatz für die verlore-
nen Malereien der Antike. Michelangelo hingegen
gilt ihm geradezu als Personifikation der Überheb-
lichkeit seiner Zeit. Er durchbrach nach Meinung
des Antiquars den Gedanken der „imitatio", indem
er die Antike in Malerei und Architektur zu über-
treffen suchte. Damit steht Ligorios Meinung in
deudichem Gegensatz zu derjenigen Giorgio Vasa-
ris, der im Vorwort zum dritten Teil seiner Viten
gerade die Uberwindung der reinen Nachahmung
als Befreiung des Künsders pries und Michelangelo
deutlich als denjenigen Vertreter seiner Zeit heraus-
stellte, der die Meister des Altertums mit seinen
Werken „besiegt" habe.1

Ein Ubertreffen der Antike konnte hingegen nicht
in der Absicht des Antiquars liegen, bedeutete ihm
doch die antike Kunst das höchste Ideal und galten
ihm die „memorie" des Altertums als Zeugen eines

i „In allen drei Künsten nimmt er den ersten Rang ein, und besiegt
nicht nur die, welche die Natur fast überwunden haben, sondern auch
die berühmten Meister des Alterthums, welche sie unzweifelhaft rühm-
lich übertrafen. [...] Wäre es möglich [seine Malereien] denen der
berühmten Griechen und Römer vergleichend gegenüber zu stellen, so

goldenen Zeitalters. Die Künstler seiner eigenen
„korrupten" Zeit sollten dieses Ideal in der Kunst
wieder erreichen, aber es nicht übertreffen.

Als Konsequenz aus diesem bedingungslosen
Festhalten am antiken Ideal ergibt sich aus Ligorios
Forderungen für das Kunstschaffen eine sehr enge
und pedantische Form der Antikenrezeption. Eine
vortreffliche Kunst vermag nach Auffassung des
Antiquars nur derjenige zu schaffen, der die antike
Welt bis ins Detail studiert und erforscht hat. Seine
eigenen antiquarischen Manuskripte, in denen er
die Welt des Altertums lückenlos zu dokumentieren
suchte, empfiehlt Ligorio den Zeitgenossen und der
Nachwelt gleichermaßen als Handbücher für ein
vortreffliches Kunstschaffen, in denen für jedes De-
tail ein Vorbild gefunden werden kann. Ein Studium
der antiken Dinge von „mindestens zwei Jahren" hält
er außerdem für unerläßlich: „Im Geist des weisen
Mannes muß immer ein Zufluchtsort für die vergange-
nen Dinge sein, man muß [...] eine Sorgfalt in diejeni-
gen Dinge legen, die mehr mit der Erinnerung und der
Belehrung zu tun haben als mit der Schlaffheit und dein
Vergessen; deshalb sollte jedermann mindestens zwei
Jahre in der direkten Anschauung jene Dinge studieren,
die als Gelehrsamkeiten eif'euen".1

Dementsprechend kennzeichnet Ligorio mehr-
fach die Aufgabe und Funktion der römischen Anti-
kensammlungen als Studienorte. Die Antiken im
Garten der Villa Giulia habe man als „Dinge der Ge-
lehrsamkeit"3 dort zusammengetragen. Das „atrio"
im vatikanischen Belvederehof, das er selbst mit an-
tiken Bildwerken ausgestattet hatte, definiert er als
„Schule der Tugendhaften („virtuosi"), die aus den anti-
ken Statuen zu lernen trachten",,4 Nur der Fleiß und

würden sie um eben so viel höher im Werth erscheinen, als seine Bild-
werke die der alten übertreffend; Vasari-Schorn/Förster, III. i, S. xvi,
xviii; vgl. Vasari-Milanesi, TV, S. 13f.

2 Siehe Anhang, Nr. 37.

3 „cose di eruditione"; vgl. Anhang, Nr. 199.

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