Schreurs, Anna; Ligorio, Pirro [Ill.]
Antikenbild und Kunstanschauungen des neapolitanischen Malers, Architekten und Antiquars Pirro Ligorio (1513 - 1583) — Köln, 2000

Page: 122
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interpretierte den Abschnitt 1983 als einen rein
(kunst-)theoretischen Text, d.h. als einen „fiktiven
Wettbewerb für einen Brunnen11, mit dem Ligorio an-
hand „verschiedener Projekte und Konzeptionen [...]
Probleme der ,invenzione\ der ,historial und des ,de-
corum' — ganz im Sinne des gegenreformatorischen
Kunsttraktats"4 - habe abhandeln wollen. Gegen
diese Deutung spricht in hohem Maße der Detail-
reichtum, mit dem Ligorio in seinen Ausführungen
sowohl die Zeichnungen als auch die Gesamtsitua-
tion in der Kommission schildert. Die Wut und
Scham eines abgelehnten Künstlers, die Unstim-
migkeit in den Meinungen sowie praktische Uber-
legungen der Teilnehmer (Kosten, Probleme der
Reinigung wegen Wasserstein) und eine Eingabe
des „principe11 (= Auftraggeber) nach schwerwiegen-
der Uneinigkeit in der Kommission. Viel eher als
um ein literarisches Bravourstück Ligorios handelt
es sich hier um den Bericht über eine Sitzung, in
der über den Entwurf zu einem Brunnen entschie-
den werden sollte. Wenn man nun davon ausgeht,
daß diese Ausführungen Ligorios über eine Brun-
nenkommission als historische Quelle anzusehen
sind, stellt sich die Frage, von welchem Brunnen-
projekt hier die Rede sein kann.

Unglücklicherweise vollzieht der Antiquar mit
den schlechten, d.h. von ihm kritisierten Künstlern
im „Trattato11 - wie auch an anderen Stellen seiner
Schriften - eine Art „clamnatio memoriae". Nie
nennt er die Namen derer, die von ihm mit soviel
Vehemenz ,verfolgt' und kritisiert werden: „Es wäre
vielleicht besser, wenn sie nie geboren worden wären, oder
auch wenn man nicht einmal einen Schatten [mehr] von
ihnen finden würde, und sich ihr Samen für immer ver-
löre. Deshalb, um das Beste aus so viel Schlechtem her-
auszuholen, lassen wir sie beiseite, indem wir über ihre
Namen schweigen; wir fügen sie der Zahl jener Toten
hinzu, die keine Inschrift auf ihrem Grab verdienen."5
Demgemäß gibt der Text weder Auskunft darüber,
von welchen Künstlern die Rede ist, noch um wel-
chen Auftrag bzw. Auftraggeber es sich handelt.

Der ersten Versuchung, die beschriebenen Zeich-
nungen vorschnell mit einem künstlerischen Pro-
jekt Ligorios, nämlich mit den Brunnen der Villa
d'Este in Verbindung zu bringen, sind nach David
R. Coffm, der sich in seinem Aufsatz von 1964 auch
mit den Brunnenentwürfen auseinandersetzte, alle
späteren Autoren erlegen. Coffin bemerkte dazu:
„That these designs may have been for fountains in the
Villa d'Este at Tivoli is suggested by the faxt that similar,
although not identical, fountains were created orplanned
for those gardens."6 Paola Barocchi7 und Robert W.
Gaston, der sich in seinem Aufsatz von 1988 mit
den „Flüssen und Brunnen bei Ligorio" beschäf-
tigte, schlössen sich dieser Meinung an: „David
Coffin has rightly connected it with Ligorio's approach to
fountain designfor Tivoli and Fenraraaß

Verschiedene Ungereimtheiten machen eine Deu-
tung der von Ligorio beschriebenen Brunnenzeich-
nungen als Vorentwürfe für Brunnen der Villa
d'Este wenig wahrscheinlich.

1. Der Antiquar beschreibt die Entwürfe in einem
sehr distanzierten, eher kommentierenden Ton:
Dies läßt nicht auf die Beschreibung einer Sitzung
schließen, an der er selbst als entscheidendes Mit-
glied teilnahm, was wohl bei einer Vorlage von
Zeichnungen für den von ihm konzipierten Garten
der Villa d'Este der Fall gewesen wäre.

2. An mehreren Stellen wird eine Kritik geäußert,
die von Coffin und Nachfolgern wohl ,überhört'
wurde. Einige der vorgestellten Zeichnungen von
Brunnen mit nackten Figuren oder ,lasziven' Dar-
stellungen werden von einer moralistisch ausge-
richteten Gruppe der Kommission mit dem Argu-
ment der Unangemessenheit des Themas für den
öffentlichen Raum abgelehnt:

- „Diese Zeichnimg, [eine nackte Venus in der Höhe auf
einer Vase], wurde von einigen Religiösen verspottet, die
sagten, daß es sich wegen der nackten Venus um eine
schmutzige und obszöne Sache handele, es sei ein schlech-
tes Vorhaben im Beispiel der öffentlichen Ehrsamkeit, für
die man keusche Dinge darstellen müsse. "9

4 Podbrecky, 1983, S. 60. 7 Barocchi, Scritti, II, 1973, S. 1419fr.

5 Anhang, Trattato, Fol. 91-. 8 Gasron, 1988, S. 184.

6 Coffin, 1964, S. 199. 9 Anhang, Trattato, Fol. 4V.

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