Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 17.1924

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BESPRECHUNGEN. 205

stattung schlechthin mustergültig ist. Die Berliner graphische Anstalt Qanymed hat
in diesem Tafelband wieder ihre höchste Leistungsfähigkeit bewiesen. Und der
Text setzt die Bekanntschaft mit van Gogh voraus; er will nicht »einführen«, »er-
klären«, »ergänzen«, sondern setzt sich eine ganz andere Aufgabe. Die Geschichte
des Lebens van Goghs ist bestimmt, »eine neue Art von Legenden zu bilden, die
einzige, die uns übrig bleibt, die Legende von dem Sämann, der Menschen machen
wollte«. »Die Legendenbildung zu fördern, ist der Zweck des Buches Vincent.
Denn nichts ist uns nötiger als neue Symbole, Legenden eines Menschentums aus
unseren Lenden.« Denn dieses Leben war ein Drama voll »merkwürdiger Begeben-
heiten, Zeichen und Wunder. Das Stoffliche, obwohl erst vor dreißig Jahren abge-
laufen, liegt hinter uns wie die Legende Georgs, des Drachentöters, und andere
märchenhafte Dinge. Der Reiz dieses wie jedes gelungenen Stückes beruht auf der
Bereitung des Stoffes, auf der Darstellung der Motive des Helden, warum er so
handelte, und wie er sich und seine Idee dabei ausdrückte. Und auch dies ist im
vorliegenden Falle keine Nachdichtung anderer Hand, sondern im wesentlichen
eigenhändiges Werk des Helden, und damit rückt vollends das Stück aus dem Be-
reich des Gewohnten heraus. Er lebte das Drama und schrieb die Haupizüge nieder
und fügte überdies die Moral in Form von unzweideutigen Symbolen hinzu.« Das
meiste Material schöpfte Meier-Graefe aus den Briefen, den Rest »aus den erwähnten
Symbolen, den Werken des Malers«. So entstand ein biographischer Roman, voll
hinreißender Eindringlichkeit. Das Leben wird nicht von außen gedeutet — vor-
sichtig alle Dokumente interpretierend — sondern von seinem Quellpunkt her rauscht
es hervor, und jegliches Dokument ist nur Zeichen, Zeuge jener Bewegtheit, die
mit dämonischer Schicksalsnotwendigkeit aufwächst bis zum tragischen Ausklang.
Erstaunlich wirkt die Tiefe der Einfühlung — ein Meisterstück — und nicht minder
erstaunlich die sprachliche Formung in ihrer sachlichen Unmittelbarkeit. Nur eines
stört: Meier-Graefes »Legende« hat Tendenz; und wo diese hervorlugt, wird die
Nutzanwendung zu stark unterstrichen. Diese pädagogische Erhitzung ist unnötig;
man spürt ohnehin das Beispielhafte und zugleich Einzigartige. Es bedarf nicht
des betonten Hinweises: dieser Holländer ergreift alle möglichen Berufe und erst
zum Schlüsse wird er »halb zufällig und im Grunde als Notbehelf« Maler. Vor
allem ist er der religiös erschütterte Mensch, der als Seelsorger Bergleute zu trösten
und ihnen zu helfen versuchte, der unter Bauern und Webern lebte, arm und schlicht
wie diese. Den nie das Artistische reizte, der Kunst wollte für die Vielen, einfache
Kunst für einfache Leute. So blieb er auch als Maler »Gottsucher«. Auf 4 Jahre
zusammengedrängt ist sein gesamtes künstlerisches Werk. In 2 Jahren erobert er
— in Paris — die letzten gegenwärtigen Werte, und nur noch 2 Jahre — unerhörter
Arbeit voll — bleiben seiner reifen Künstlerschaft; 2 Jahre, fern dem großstädtischen
Kunstbetriebe. Nichts bietet ihm das Leben: Not knechtet ihn, die Mauern des
Irrenhauses umsperren ihn; aber er hat seine Arbeit, seine Welt, seinen Gott. Und
da sein Körper versagt, endet er durch Selbstmord.

Für den Psychologen bleibt — auch nach Meier-Graefes glanzvoller Schilde-
rung — ein Problem: die Geisteskrankheit van Goghs. Es waren Anfälle anschei-
nend epileptischer Natur — die mit Krämpfen, Erregungen, Verstimmungen, aber
auch mit Wahnideen religiöser Färbung verbunden waren — und er war auch sonst,
vielleicht durch die Epilepsie beeinflußt, eine psychisch abnorme Natur. (Vgl. Karl
Birnbaum, Psychopathologische Dokumente, 1920.) Wie sind nun die Beziehungen
dieser Krankheit zur Künstlerschaft van Goghs? Es geht weder an, sie einfach
positiv oder negativ zu bewerten. Hier tut eine psychiatrisch geschulte Studie not.
Meier-Graefe teilt eine interessante Beobachtung mit: »Vernünftig sind z. B. die
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