Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 4.1909

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Besprechungen

Hugo Münsterberg, Philosophie der Werte. Grundzüge einer Weltanschau-
ung. Leipzig 1908. J. A. Barth, VIII, 481.
Wer es heutzutage wagt, mit einem System, und gar einem ausgesprochen
idealistischen System hervorzutreten, der muß darauf gefaßt sein, von vornherein
vielfach Mißtrauen und Mißverständnissen zu begegnen, besonders wenn er an das
Gebiet der Ästhetik herantritt. Ist doch die Psychologie dort heute Trumpf, und
wer andere Wege wandelt, der ist entweder »rückständig«, oder gar befürchtet man,
von ihm statt exakter psychologischer Zergliederungen, die uns reale »Tatsachen«
geben, metaphysische Konstruktionen oder windige Enthusiasmen zu hören. Und
doch ist es merkwürdig — dem eigentlich ästhetischen Erlebnis und dem Sinn
des Ästhetischen ist selten jemand so nahe getreten wie Hugo Münsterberg in
dem ästhetischen Teil seiner »Philosophie der Werte«, die einen ausgesprochen
idealistischen Charakter hat. Das macht: er schneidet mit größter Entschlossenheit
das Tafeltuch zwischen der theoretischen und der ästhetischen Bewertung ent-
zwei, — so gründlich, daß auch eine psychologische Ästhetik mit ihren begrifflichen
Konstruktionen vom Standpunkt einer solchen lebendigen ästhetischen Bewertung
wie ein Reich von Schemen zerflattert, das nur in der Psychologie — einem theo-
retischen Gebiet also — volle Daseinsberechtigung hat. Der bequemen Einteilung:
Ästhetik von oben = Metaphysik, Ästhetik von unten = Psychologie widersetzt sich
Münsterberg (selbst Psychologe ex officio!) ernstlich. Es gibt einen Weg von
unten, der, vom Erlebnis in seiner ganzen Fülle ausgehend, in kritisch besonnener
Weise auf Sinn und Geltungswert dieses Erlebnisses geht, statt es in spezialwissen-
schaftlichen Konstruktionen, wie sie die Psychologie als solche haben muß, sofort
wieder erstarren zu lassen. Es hängt diese Ansicht im Ästhetischen auf das engste
mit den Gesamtanschauungen Münsterbergs zusammen; seine fruchtbarsten Resultate
erzielt er überall durch die Ablösung metaphysischer Gespenster vom eigentlichen
Erlebnis, und dem Sinn dieses Erlebnisses nachspürend gelangt er zu dem, was
über dies Einzelne hinaus gültig ist. Es ist klar, daß wir zu diesem Sinn nicht
auf der breiten Heeresstraße der Erklärung und Beschreibung des Seins der Erleb-
nisse gelangen, ebensowenig wie sich die Begründung von wahr und falsch aus
psychologischer Zergliederung ergeben kann.
Aber nicht nur dieser Gefahr, die an der Schwelle einer Ästhetik lauert und
sie sich selbst zu entfremden droht, weicht Münsterberg aus. Wer die Forderung
einer autonomen Ästhetik aufstellt — die eigentlich die Selbstverständlichkeit ist,
mit der die Theorie und seit Kant auch die Ethik arbeiten — der weiß, daß un-
endliche Schwierigkeiten noch zu überwinden sind, um die Ästhetik von den grund-
legenden Begriffen des theoretischen Gebietes, die ihrem ganzen Sinne nach nur
für dieses gelten können, zu emanzipieren und so ihre Eigenart zu wahren. Er-
kenntnistheoretische Ästhetik treiben, heißt ja nicht, die Begriffe des Theoretischen
einfach dort hineinprojizieren — denn das wäre kein kritisches Verfahren — son-
dern die Grundformen und den Sinn des Ästhetischen in begrifflich gültige Formen
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