Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 6.1911

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Bemerkungen.

Die Raumdarstellung bei kleiner Augendistanz.

Von

Hans Jantzen.

Mit einer Tafel.

Die Bedeutung der Augendistanz für den Maler liegt in der Erkenntnis, daß
alle perspektivischen Verschiebungen im Bildraume gesetzmäßig vor sich gehen,
und zwar der Art, daß, je größer der Abstand des Auges von der Bildebene ist,
desto gleichmäßiger und unauffälliger die Erscheinungswandlungen unter dem Ein-
fluß der Perspektive sich bemerkbar machen, und daß, je kleiner die Distanz ist,
diese Wandlungen um so unruhiger und sprunghafter eintreten. Die Gesetze der
perspektivischen Veränderungen bei verschiedener Distanzannahme können mathe-
matisch festgestellt werden, und Künstler wie Theoretiker, von denen wir Anwei-
sungen zur Malerei besitzen, haben öfters das ihnen richtig scheinende Maß der
Augendistanz angegeben. So bestimmt Leonardo die Augendistanz gleich der zwei-
bis dreifachen größten Ausdehnung des Bildes, Desargues und Bosse gleich der
zweifachen, Serlio und Vignola gleich der anderthalbfachen1). Diese Maßwerte
lassen sich als Ausdruck bestimmter ästhetischer Forderungen für die Raumdarstel-
lung erkennen. Denn die Distanz greift unmittelbar beherrschend in die Bedingungen
der Raumwirkung ein.

Nun ist die Differenz zwischen den eben genannten Maßwerten nicht der Art,
daß sich besonders auffallende Wirkungsunterschiede ergeben. Gemeinsam bleibt
ein Streben nach klarer ruhiger Abstufung hauptsächlich der perspektivischen Ver-
kleinerung zur Tiefe hin. Erst wenn die Distanzen kleiner werden als die genannten,
treten Erscheinungen auf, die für die Raumdarstellung Veränderungen wichtigster
Art schaffen. (Leonardo: Mache die Bildwand um zwei deiner Längen von dir
weg. Denn ihr bloß eine Länge zum Abstand zu geben, bewirkt sehr große Unter-
schiede zwischen den Größenbildern der ersten und zweiten Ellen. [Buch von der
Malerei 471.])

Zunächst ergeben sich rein praktische Schwierigkeiten für den Künstler insofern,
als bei durchgeführter Konstruktion die perspektivischen Verzerrungen nach den
Bildrändern zu so stark werden können, daß sie für die künstlerische Darstellung
nicht mehr verwertbar sind. Inwiefern diese Fälle für die perspektivische Praktik
der Maler von Bedeutung sind, hat Guido Hauck eingehend erörtert2). Sie bleiben
für unsere Betrachtung unwesentlich, denn praktisch haben die Künstler die in
Rede stehenden Schwierigkeiten stets überwunden.

Wichtiger ist die Frage nach der ästhetischen Wirkung des unter kleiner Distanz-

') Nach Guido Hauck, Die subjektive Perspektive und die horizontalen Kurva-
turen des dorischen Stils. S. 75.

2) Hauck, Über die Grundprinzipien der Linearperspektive. Zeitschr. f. Mathe-
matik und Physik XXVI u. a. O.
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