Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 6.1911

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VII.

Bühnenkunst und Drama.

Von

Waldemar Conrad.

Unter allen charakterisierenden, definitorischen und normativen Be-
stimmungen des Dramas scheint die eine Grundbestimmung stetig
wiederzukehren: daß das Drama eine Handlung zur Darstellung
bringt beziehungsweise zur Darstellung zu bringen hat. — Diese
finden wir schon bei Aristoteles, und wir finden sie in fast allen
späteren ästhetischen Werken, die sich mit diesem Thema befassen,
bis in die neueste Zeit hinein — in den wissenschaftlich-theoretischen
sowohl wie in den praktisch-dramaturgischen x).

Trotz alledem fehlt es nicht an ständig wiederkehrenden Versuchen,
Dramen »ohne« Handlung zu schreiben und auch auf die Bühne zu
bringen; und dies — bis heute — nicht nur von sehen der Anfänger,
sondern ebenso auch von seiten anerkannter Schriftsteller (wie Maetep-
linck und Hugo von Hoffmansthal) und anerkannter Theaterdirektoren
(wie Max Reinhardt). — Und für Theaterkritiker und Dramaturgen ist
dies Veranlassung, bis zur Ermüdung immer wieder jene anscheinend
so selbstverständliche Behauptung über das eigentliche Wesen des
Dramas zu betonen.

Die Notwendigkeit solcher Wiederholungen ist ein Zeichen, daß
mindestens die Begründung der Behauptung nicht genügend ein-
leuchtend ist. Und das immer erneute Auftauchen von Auflehnungs-
versuchen kann überdies darauf hindeuten, daß die Behauptung
selbst nicht völlig unangreifbar ist. Beides aber beweist, daß ein über
das rein theoretisch-wissenschaftliche Interesse hinausgehendes, allge-
meineres Bedürfnis nach größerer Klarheit über jenes eigentliche
Wesen des Dramas noch immer vorliegt.

Der aus diesem Bedürfnis sich ergebenden Aufgabe wollen wir
hier einen Weg weisen, die Untersuchung aber nur des näheren aus-
führen, wo sie auf nicht beachtete Punkte stößt. — In erster Linie
werden wir die Frage genauer formulieren müssen.

Seitdem nämlich Aristoteles im Hinblick auf das damalige helle-
nische Theater das Problem der Dramaturgie so formuliert hat, daß
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