Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 6.1911

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Bemerkungen.

Vereinigung für ästhetische Forschung (1910).

Das vergangene Jahr bot zur Erörterung ästhetischer Fragen aus allen Kunst-
gebieten vielseitige Gelegenheit.— Am 18. Januar sprach Herr W. Weisbach über
:>Die Kunst des Oreco als ästhetisches und psychologisches Problem«.
Sie hat für uns als Offenbarung einer der unseligen verwandten malerischen Auf-
fassung aus vergangener Zeit nach beiden Seiten ein hohes Interesse. Grecos
Impressionismus vereinigt mit dem koloristischen Problem Äußerungen einer mysti-
schen Phantasie, welche die Grenze des Pathologischen streift. Die künstlerische
Entwicklung seiner komplizierten Persönlichkeit zu deuten, helfen uns nur spärliche
biographische Daten. Um 1545—1550 geboren, tritt er jung in Tizians Werkstatt
ein, — dann hält er sich 1570 vorübergehend in Rom auf und läßt sich (vor 1577)
für Lebenszeit (f 1614) in Toledo nieder. An der Hand von datierten Hauptwerken
lassen sich drei Phasen seines künstlerischen Schaffens unterscheiden. Aus der
italienischen Formenwelt nimmt er im Gegensatz zu der ihn in seiner Jugend um-
gebenden, ganz anders gearteten byzantinischen Kunstsphäre die pathetische Bewe-
gung und michelangeleske Beherrschung des Anatomischen auf, zugleich aber den
von Tizian in seiner Reife aufgebrachten und von Tintoretto im Sinne der Zusam-
menfassung des Masseneindrucks in Raum und Licht fortgebildeten venezianischen
Impressionismus, den er aufs höchste steigert (Austreibung der Händler in London
bei Lord Yarborough und andere Jugendwerke). In Spanien werden vollends Licht
und Farbe bestimmende Faktoren seiner Darstellung und erfüllt sich diese mit einem
neuen sensitiven Ausdruck (Himmelfahrt Marias von 1577 aus S. Domingo el An-
tiguo, Trinität im Prado). So paßt er sich dem spanischen Wesen mit seinem
religiösen Mystizismus an. Aber während die Renaissance das Mystische formal
auszudrücken sucht, gestaltet Greco es auf naturalistischem Wege mit Hilfe des
physiologischen Ausdrucks und koloristischer Mittel. Das Hauptstreben des Künst-
lers, die asketisch visionäre Ekstase glaubhaft zu machen, ist aus den Einwirkungen
seiner Umgebung auf ihn zu erklären. Hielt sich doch gleichzeitig die heilige Theresa
in Toledo auf, die den Karmeliterorden reformiert und in deren Schriften über die
Gebetsstufen sich das Mystische zu sinnlicher Erotik steigert. Zu der Farbengebung
Grecos tritt als Eigentümlichkeit das Arbeiten mit kalten Farben neben Karmin
mehr und mehr hervor (Entkleidung Christi auf dem Kalvarienberg in Toledo).
Das Naturalistische verbindet sich mit sensitivstem Ausdruck (Tod des Grafen Orgaz
in Toledo). Dramatische Spannung wird nunmehr auf rein artistischem Wege durch
Verteilung der Massen und kontrastierende Bewegung unter Vernachlässigung der
Proportionen erzeugt und so gleichsam der Sieg des Geistes über den Körper ver-
sinnlicht (Auferstehung Christi im Prado). In den Werken der Spätzeit endlich er-
reicht der Ausdruck des Mystischen (Pfingstwunder im Prado) und der asketischen
Verzückung (heiliger Bernardinus im Prado) eine suggestive Kraft, die vielleicht auf
Beobachtung mediumistischer Äußerungen zurückweist. Daneben ist und bleibt
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