Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 6.1911

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VI.

Naturschönheit und Kunstschönheit.

Von

Julius Schultz.

1.

Ist der sogenannte ästhetische« Zustand so rätselhaft oder so
schwer erfaßbar? Oder woher sonst die Mannigfaltigkeit der Theorien
über sein Wesen? Und die einander widersprechenden Philosophen
waren und sind doch im allgemeinen geeignete Beurteiler, scharfsinnig,
in psychologischer Analyse geübt, an Kunstgenüsse gewöhnt! Liegt
die Vermutung nicht nahe, daß jeder der Denker eine Seite der Wahr-
heit gesehen hat? Dann wäre das ästhetische Genießen ein sehr zu-
sammengesetzter Vorgang, dessen Elemente aus den gegnerischen
Schriften sich sammeln ließen. In der Tat, wie sehr auch in meta-
physischen und erkenntnistheoretischen Fragen der Eklektizismus einem
berechtigten Einheitsbedürfnis widerstrebe: in unserem Falle scheint
er am Platze; in gewissem Sinne schon Fechner, mit neuen Argu-
menten aber besonders Volkelt und Dessoir, haben das überzeugend
dargetan.

Ich gehe noch einen kleinen Schritt weiter. Ich behaupte, daß die
Wörter: »ästhetisch' und ?schön« mehrdeutig sind. Das Wort Kunst
umspannt als ein rechtes Zufallswort eine Reihe menschlicher Tätig-
keiten, die ihrem Wesen nach nicht notwendig zusammengehören;
gäbe es z. B. einen für Baukunst, Tischlerei und Maschinentechnik
gemeinsamen Ausdruck und wäre es ungebräuchlich, die Architektur
als »Kunst« zu bezeichnen: so fielen am Ende mancherlei Speku-
lationen wie von selber fort, und unsere Einsicht bliebe den Tatsachen
dennoch ebensogut angemessen wie jetzt. Und auch die verschiedenen
Formen des »ästhetischen Genusses mögen der innerlichen Verwandt-
schaft mehr entbehren, als man meistens annimmt, und anderseits
einzeln mit einzelnen außerästhetischen« Affekten in unerwartet enger
Verbindung stehen.

Diese Behauptung möchte ich im folgenden etwas näher begründen.

Selbstverständlich bleibt: daß Übergänge und dann wieder Kombi-
nationen der verschiedenen Zustände, die ich darstellen will, unauf-
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