Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 6.1911

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X.

Wendet sich die Plastik an den Tastsinn?

Von

Richard Hohenemser.

Obgleich die Ästhetik heute fast allgemein als Zweig der Psycho-
logie behandelt wird, und obgleich sie nur, insofern dies geschieht,
Anspruch auf den Namen einer Wissenschaft erheben kann, ist es
doch Tatsache, daß die grundlegende und konsequenzenreiche Frage,
mit welchen Sinnen wir die verschiedenen Gattungen der Kunstwerke
aufnehmen, oder, anders ausgedrückt, an welche Sinne sich diese
Gattungen wenden, noch immer nicht mit völliger Sicherheit beant-
wortet ist. Am verwickeltsten liegt die Sache auf dem Gebiet der
Poesie, da hier entschieden werden muß, inwieweit nicht die Sinnes-
wahrnehmungen selbst (gehörte oder gelesene Worte mit oder ohne
Rhythmus und Reim), sondern die durch sie erzeugten Vorstellungen
den eigentlichen Leib des Kunstwerkes bilden, und welchen Sinnes-
gebieten diese Vorstellungen angehören können. Doch auch hinsicht-
lich der bildenden Kunst ist ein Streit möglich, da sie zwar in ihrem
ganzen Umfang dem Gesichtssinn, aber in einzelnen Gattungen, zum
mindesten äußerlich, auch dem Tastsinn zugänglich ist.

So konnte schon Herder, dem es mit der psychologischen Behand-
lung der Ästhetik bereits ernst war, auf den Gedanken kommen, die
Plastik im Gegensatz zur Malerei für den Tastsinn in Anspruch zu
nehmen. »Alles,« so behauptet er, »was Schönheit einer Form, eines
Körpers ist, ist kein sichtlicher, sondern ein fühlbarer Begriff; im Sinne
des Gefühls also muß jede dieser Schönheiten ursprünglich gesucht
werden« *). Bekanntlich sagte man im 18. Jahrhundert, wie es noch
heute im gewöhnlichen Sprachgebrauch geschieht, statt »tasten« »füh-
len«, statt »Tastsinn« »Gefühl«. Aber Herder »vermischte« wirklich,
wie Haym gezeigt hat, und wie es J. Cohn treffend ausdrückt, »Ge-
fühl im Sinne von Getast fortwährend mit Gefühl im Sinne inniger

') »Viertes kritisches Wäldchen«, Herders Werke, herausgegeben von Suphan,
Bd. 4, S. 52. Genauer führt Herder die gleichen Anschauungen in seiner »Plastik«
betitelten Schrift aus: Suphan Bd. 8.
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