Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 6.1911

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Das Problem des Passionsspiels.

Von

Konrad Lange.

Über keine Kunstleistung der letzten Zeit sind so verschiedene
Urteile ausgesprochen worden wie über das Passionsspiel von Ober-
ammergau. Die unbegreiflichen Widersprüche der Kritiker betreffs
seiner Wirkung haben mich — eigentlich gegen meinen Willen — in
das oberbayrische Gebirgsdorf geführt. Ich hatte das Bedürfnis, mir
selbst ein Urteil zu bilden, ehe zehn weitere Jahre ins Land gingen.
Denn auf die professionellen Berichterstatter mochte ich mich nicht
verlassen. Wie war es möglich, daß die einen begeistert priesen, was
die anderen schlechthin ablehnten? Wer von beiden hatte nun recht?

Oder hatten vielleicht beide recht, je nachdem sich ihr Urteil auf
diese oder jene Seite des Kunstwerks bezog, je nachdem sie die Auf-
führung von diesem oder jenem Standpunkt aus ansahen? Der Ästhe-
tiker wird in solchen Fällen von vornherein geneigt sein, ein ästhe-
tisches Problem zu wittern. Sollte es sich vielleicht hier um die
psychische Einstellung des Bewußtseins handeln, die beim Zuschauer
ja eine ganz verschiedene sein kann? Darum, daß der eine im Grunde
durch etwas anderes befriedigt wird als der andere? Die Frage schön
oder häßlich ist ja in ihrer Anwendung auf das einzelne Kunstwerk
immer auch eine Frage der geistigen Disposition. Es handelt sich
dabei um die psychischen Voraussetzungen, mit denen der Genießende
an dasselbe herantritt. Das Einzelschöne kann nie absolut, sondern
immer nur relativ, d. h. in seinem Verhältnis zu dem schon früher vor-
handenen Bewußtseinsinhalt bestimmt werden. Diese Wahrheit an
einem einzelnen Beispiel, an einem so bestrittenen Kunstwerk wie
diesem nachzuweisen scheint mir eine dankbare Aufgabe für den
Ästhetiker zu sein.

Dabei stehen uns wie immer in solchen Fällen zwei methodische
Wege zu Gebote, die Selbstbeobachtung und die Beobachtung anderer.
Beide haben nun aber hier das Eigentümliche, daß sie zu keinem
glatten und einwandfreien Ergebnis führen. Man sieht daraus, daß
die Sache ihre besonderen Schwierigkeiten haben muß.
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