Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 6.1911

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V.

Schinkels Fragmente zur Ästhetik.

Von
Hans ReichelJ).

Einleitung.

1. Man hat Karl Friedrich Schinkel als den Hellenisten unter den
deutschen Baukünstlern bezeichnet. In der Tat: wie auf Goethes nach-
italienischen Dichtungen, auf Carstens und Prellers Zeichnungen, auf
Thorwaldsens und Tiecks Marmorgestalten, so liegt auch auf Schinkels
Bauwerken ein Strahl griechischer Sonne. Zutreffend sagt Dohme
in seinem verständnisvollen Aufsatz über Schinkel (Leipzig 1886, S. 7):
»Wo im modernen Leben das, was dem Griechentum naives Emp-
finden war, uns heute als bewußt empfundener sittlicher Drang ent-
gegentritt, stark genug, um das ganze Dasein zu erfüllen; wo diese
Anschauungsweise zugleich mit reichen Gaben des Talentes verbunden
ist, die sich ganz dem Dienste des hohen Zieles widmen: da können
wir unsere Bewunderung, unsere Sympathie nicht versagen. Das ist
es, was immer wieder die eingehende Beschäftigung mit Schinkel zum
erhebenden Genüsse macht.«

Wenn freilich heutzutage über Schinkel gesprochen wird, so ge-
schieht es meist in einem überaus vornehmen Tone. Man glaubt dem
ganzen Umfange der Bedeutung Schinkels gerecht werden zu können,
wenn man ihn als einen korrekten Klassizisten bezeichnet, womit man
im Grunde nichts anderes angedeutet haben will als einen überwun-
denen Standpunkt. Andere wieder reden noch bedeutend hochtönender,
indem sie Schinkel als bloßen Kopisten, als sklavischen Nachbeter
überlieferter Formen hinzustellen pflegen.

') Die Abfassung dieses Aufsatzes liegt um etwa 10 Jahre zurück. Anlage und
Durchführung entsprechen nicht mehr allenthalben den Anschauungen des Ver-
fassers. Immerhin meint Verfasser, es dürfe die bei Aufsuchung und Zusammen-
fassung des Materials aufgewendete Arbeit nicht völlig verloren gehen, und er
veröffentlicht hiermit die Arbeit als eine Stoffzusammenstellung in der Hoff-
nung, daß die künftige Forschung sie als eine erste Orientierung werde nutzen
können.

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. VI. 12
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