Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 6.1911

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XV.

Plastik und Rahmung.

Von

Erich Everth.

Je höher uns ein Lebensgebiet steht, je komplexer es ist — man
denke an Religion oder Moral oder Kunst —, desto schwerer, aber
auch nötiger ist es, nüchtern davon zu reden. Und gerade, weil vieles
da noch nicht durchschaubar ist, wie so leicht eingeworfen wird,
muß man mit dem Erreichbarsten, ja mit Elementarem anfangen und
muß lange auf diesem Niveau arbeiten; auch zur Schulung für die
höheren Probleme. Man braucht nicht zu befürchten, »die Kunst« zu
entgöttern; es bleibt schon noch genug, wohin wir mit Analyse nicht
vordringen können; ja könnten wir es auch, die Kunst — das Schaffen,
die Werke, das Aufnehmen — verlöre kaum etwas dadurch. So habe
ich mir hier vorgesetzt, bei einem scheinbar unfruchtbaren und simplen
Thema Genauigkeit zu erstreben. Unsere Fragestellungen hier be-
treffen, wie wir sehen werden, zumeist Dinge aus dem Gebiet der
Mechanik, wie den Schutz gegen Druck und Stoß und dergleichen,
freilich als psychologische Inhalte und zum Teil mit unserem Körper-
gefühl nacherlebt, — die einfachsten Erfahrungen also, die man (auch
bei der Rahmung) machen kann.

Aber auch ein außerwissenschaftliches, »menschliches« Bedürfnis
des Kunstfreundes ist es wohl — gerade wenn er seinen Tag zum
guten Teil durch Beschäftigung mit der Kunst ausfüllt — und Zeug-
nis ist es also oft eines sehr nahen Verhältnisses zur Kunst, daß er
in dem Gefühl, es gehe hier um zu Kostbares, nicht nur gerade über
diese Dinge jede Phrase scheut, sondern auch in scharfer und strenger
gedanklicher Arbeit an Fragen der Kunst ein Gegengewicht sucht
gegen die vollen Erlebnisse, die ihm das Material zu den Überlegungen
liefern und die, allein für sich in solcher Häufigkeit erlebt, er nicht
ertragen könnte. Ein Wechsel ist nötig, ja, ein Reagieren speziell mit
eigener Tätigkeit, noch spezieller ein Sichrechenschaftgeben über diese
Eindrücke selbst, eine Ordnung ihrer zur Klarheit, — nur nicht wieder
in dem Stil dieser Eindrücke selbst, nur nicht wieder künstlerisch! Je
höher das Kunsterlebnis eines Menschen, desto nüchterner mag er zu
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