Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 6.1911

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Bemerkungen.

Über Hebbels und Greifs „Agnes Bernauer" — zugleich

eine Abwehr1).

Von

Julius S a h r.

Das ästhetische Verbrechen, das ich in den Augen meines Gegners Berthold
Schulze begangen habe, besteht im wesentlichen darin, daß ich

1. wage, in der heutigen Zeit des Hebbelkultus Kritik an Hebbels Agnes Ber-
nauer zu üben; daß ich

2. warm für Martin Greifs Agnes Bernauer eintrete, und

3. den Zriny Körners nicht ins alte Eisen werfe, sondern seine Benutzung in
der Schule befürworte.

Aus diesen Tatsachen und aus einer Reihe von Ansichten, die mein Gegner
mir zwar zuschreibt und heftig bekämpft, die ich aber gar nicht geäußert habe,
folgert er, kühn zwar, aber minder zutreffend, meine ästhetische Rückständigkeit
und Kritiklosigkeit.

Nach dem bisherigen Verlauf der Sache erscheint mir eine Verständigung mit
meinem Gegner ausgeschlossen. Wenn ich daher im folgenden anzudeuten ver-
suche, wie ich zu meinem Urteil über die beiden Agnesen gekommen bin, und
wenn ich in Übereinstimmung mit früher Geäußertem einige Hauptpunkte meiner
Hebbelkritik skizziere, so wende ich mich mehr an die Leser dieser Zeitschrift,
damit mir in dem Kreise, wo ich angegriffen wurde, auch das Wort zu meiner
Rechtfertigung vergönnt sei.

Ich beginne mit einigen allgemeinen Sätzen.

Eine allein seligmachende theoretisch-wissenschaftliche Ästhetik erkenne ich
nicht an. Natürlich ist dieser Zweig der Wissenschaft so nötig und nützlich wie
die anderen. Aber so gut wie andere Wissenschaften bedarf die Ästhetik der
steten Fühlung, Ergänzung, Berichtigung durch das Leben, durch die Praxis. Ver-
schiedene Zeiten haben verschiedene ästhetische Anschauungen. Wie alles Leben

') Vgl. Sahr, Zu Martin Greifs Drama »Agnes Bernauer« (Verhältnis zum Volks-
lied, zur Geschichte, Analyse des Dramas, die Charaktere, die Sprache, Hebbels
Agnes ist nicht verglichen): Zeitschrift für den deutschen Unterricht 1899 = 13, 486
bis 510. — Schulze, Agnes Bernauer. Ein deutsches Trauerspiel von Friedrich Heb-
bel, herausgegeben = Deutsche Schulausgaben, herausgegeben von Dr. J. Ziehen,
Nr. 56, Dresden, Ehlermann, o. J., 8°, 118 S.; vgl. S. 3-31, 111—118. — Sahr, die
Besprechung davon in dem Aufsatz: Ehlermanns deutsche Schulausgaben, Zeitschrift
für den deutschen Unterricht 1909 = 23, 547—569, 624—649; vgl. besonders S. 632
bis 641. — Schulze, Erwiderung darauf, ebenda 1910 = 24, 75. — Sahr, Antwort,
ebenda S. 75—77. — Schulze, Ein Beispie! von Rückständigkeit der Schulästhetik, in
dieser Zeitschrift 1910 = V, 597—600.
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