Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 6.1911

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156 BESPRECHUNGEN.

bewegung oblonger Räume künstlerisch nie benutzt oder gar gesteigert. Eine Dosis
venezianischen Phlegmas haftet mehr als einer der Villen Palladios an, denn den
dramatischen Wechsel von Bewegung und Ruhe, eine Kontrastierung von dekora-
tiven Architekturen und toten Flächen, eine Differenzierung in der Prägnanz der
Formenbildung nach Maßgabe ihrer funktionellen Bedeutung darf man bei solchen
Absichten nicht suchen«: (S. 12/13). »Aber durch die großartige Entfaltung bau-
licher Massen bekommt man auch bei seinen Villen trotz all der Strenge im Detail
zu fühlen, wie die Unbegrenztheit des zur Verfügung stehendeil Raumes nach der
,drangvoll fürchterlichen Enge' der Stadt in stolzem Glücke auch die Phantasie des
kühlen Theoretikers berauscht und wie wenig im Grunde von dem Puritanertum
in dieser Kunst steckte, das die Engländer dahinter suchten« (S. 13).

»Freilich manifestiert sich in ihm viel zu sehr die Reaktion gegen das orna-
mental-dekorative Kauderwelsch des venezianischen Quattrocento. Palladio verhält
sich zu Michelangelo wie etwa Boileau und Racine zu Shakespeare. Was Racine
auf dem Gebiete des französischen Dramas, das tat er auf dem Gebiete der Bau-
kunst in Venedig: er befreite die Architektur von den Schlacken rudimentärer Orna-
mentformen und gab eine mathematische Reinheit und Durchsichtigkeit. Der Mangel
schulmäßiger Tradition wurde durch die rechnerische Fixierung der schönen Normal-
form ersetzt. Die Norm war schließlich das letzte Ziel der Renaissance
überhaupt und dadurch kam der kosmopolitische Zug in diese Kunst,
der ihr zu dem ungeheuren Erfolg verhalf.« Und »das große Renaissance-
problem auf dem Gebiete der Baukunst: den feinen Proportionsstil griechischer
Kunst am Detail auf die raumbildenden, differenzierten Flächen zu über-
tragen, hat Palladio doch mehr als alle anderen beschäftigt«. »Die Villen Palladios
sind die Kinder des Landes gewesen. Aber sie sind so ganz auf die Befriedigung
venezianischer Prachtbedürfnisse zugeschnitten, daß sie heute so unwohnlich
und ungemütlich wie nur möglich erscheinen« (S. 14). »Unser künstlerisches Streben
geht heute nach einer anderen Richtung, von den lebendigen Werten dieser Bauten
muß uns die Geschichte erzählen. Es war doch eine gesegnete Hand, die diese
Werke schuf, denn sie haben mehr als drei Jahrhunderte fortzeugend gewirkt und
die schönsten Früchte gezeitigt. Wenn wir uns heute bessere Menschen dünken,
die wir auf Einfachheit und Wahrheit in der Kunst dringen, so könnte uns Palladio
erwidern, ob man nicht auch da von ,Pose' und ,Phrase' sprechen muß, wenn der
Palast des Reichen mit der Physiognomie eines Arbeiterhauses kokettiert, dem die
Kostbarkeit des Materials innen wie außen widerspricht. Jeder ist eben das Kind
seiner Zeit, darum heißt's nicht richten, sondern messen nach ihrem Maße« (S. 15).

Diese Proben, alle aus dem Eingangskapitel, müssen und können genüo-en.
Man sieht, es steht etwas drin in dem Buche. Es folgt dann eine Reihe von
Kapiteln, die ins einzelne gehen, ich erwähne die großen Abschnitte über »die
Kastelltypen«, den Zentralbau, den Monumentalpalast. Dieser Teil, studienreich
und studienwert, kann nur hier, in einer Besprechung in unserer Zeitschrift, nicht
so ausführlich behandelt werden wie die allgemeineren Überlegungen des Ver-
fassers. Daran ist das Schlußkapitel von 30 Seiten wieder besonders ergiebig. Die
Gesamtkomposition des Buches zeigt so zwei Eckpfeiler und erinnert in dieser
Symmetrie selber an manche der palladianischen Bauten. Die Ausstattung des
Werkes ist erfreulich, auf großen Seiten mit breiten Rändern der ruhige, klare Druck.

Wilmersdorf.

Erich Everth.
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