Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 6.1911

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418 RICHARD HOHENEMSER.

»Die Gewänder der Viktoria stehen steif nach hinten hinaus und
gleichen nicht den Gewändern, die ich selber im Winde fliegen,
flattern, sich zusammenfalten und wieder ausbreiten fühlte. Aber die
Phantasie füllt diese Unvollkommenheiten aus, und stracks wird die
Viktoria eine von Kraft und Geist erfüllte Gestalt, deren Gewänder
der Seewind bläht, von deren Schwingen Siegesglanz leuchtetl).«

Schon Herder wollte das an den griechischen Statuen häufige Vor-
kommen der sogenannten »nassen«, d. h. eng am Körper anliegenden
Gewänder darauf zurückführen, daß abstehende Gewänder dem Tast-
sinn einen unangenehmen Eindruck verursachen würden. Natürlich
ist diese Erklärung falsch, da, wie wir gesehen haben, das plastische
Kunstwerk fürs Auge berechnet ist. Aber auch auf den sehenden
Betrachter können in Stein gehauene abstehende Gewänder sehr leicht
unangenehm und störend wirken, indem sie ihm nämlich den Wider-
spruch zwischen der Schwere des Materials und der Leichtigkeit des
dargestellten Objekts und eben damit das Material selbst zum Be-
wußtsein bringen, so daß er notwendig aus der ästhetischen Betrach-
tung hinaus- und in die Wirklichkeit hineingezwungen wird. Darum
ist es ein Unding, Wolken in Stein darzustellen, und darum sind ab-
stehende Gewänder im allgemeinen nur an Miniaturfiguren zulässig,
weil sich hier infolge der Leichtigkeit des Materials der Widerspruch
nicht geltend macht. An der geflügelten Viktoria nun kommt Helen
Keller offenbar ein solches Mißverhältnis zwischen Material und dar-
gestelltem Objekt zum Bewußtsein. Möglicherweise ist es in diesem
Fall fürs Auge noch nicht vorhanden. Aber es ist sehr wahrschein-
lich, daß es sich dem Tastsinn schon bei geringeren Graden bemerk-
bar macht. Daß Helen Keller einen solchen Widerspruch zu über-
winden vermag, entspricht analogen Vorgängen beim Sehen. Wie oft
wird beispielsweise ein Gemälde noch künstlerisch genossen, obgleich
man sich nicht darüber täuscht, daß eine Figur darin verzeichnet ist!
Wir sind eben imstande, wenn uns das Kunstwerk im großen ganzen
in seinen Bann zu zwingen vermag, von einzelnen Unvollkommen-
heiten zu abstrahieren.

Fassen wir zum Schluß das Ergebnis unserer Betrachtungen zu-
sammen, so können wir etwa folgendes sagen: Wenn auch, wie
Vischer und Cohn mit Recht betonen, der Tastsinn bei der Ausbildung
der Gesichtswahrnehmungen eine wichtige Rolle spielt, so kann er
selbst doch dem Sehenden keine ästhetischen Eindrücke vermitteln;
denn er bindet ihn an die Sinnlichkeit, an die Wirklichkeit des Leibes,
läßt also keine ästhetische Betrachtung aufkommen, und zudem fehlt

») Ebenda, S. 26.
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