Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 6.1911

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ÄSTHETISCHE PERSPEKTIVE. 421

rung mit Physiologie und Geometrie wird freilich auch diese »Per-
spektive« nicht zum Ziele kommen können; es darf aber versichert
werden, daß das Ziel nicht in den wohl etwas öden, ja vielleicht be-
klemmenden Vorhöfen der Kunst, vielmehr durchaus in den erheben-
den Räumen ihres eigentlichen Heiligtums gelegen ist.

Überblick.

Gewisse, darunter sehr berühmte Bilder können auf den Beschauer,
ganz abgesehen von allem Inhaltlichen und allem Formalen im ge-
wöhnlichen Sinne, einen ganz spezifischen Eindruck hervorrufen, so
etwa Dürers »Hieronymus«, Burckmairs »Tod als Würger«, Pieter de
Hooghs »Lesende Frau«, Kerstings fast ganzes Werk, Liebermanns
»Gänserupferinnen« usw., um nur an der nordischen Kunst einiger
Jahrhunderte zu exemplifizieren. Ich habe diese besondere Wirkung
an mir und anderen, ganz unbeeinflußten Personen feststellen können.
Sie besteht in einem Abgedrängtwerden aus der vertikalen Mittelebene
des Bildes nach rechts oder links.

Teil I der Studie enthält die Untersuchung dieser inneren Erfah-
rung, und zwar:

1. die Feststellung der objektiven Eigentümlichkeit, der die ge-

schilderte Wirkung solcher Bilder zuzuschreiben ist;

2. eine Deutung der subjektiven Wirkung selbst.

Diese zwei Gesichtspunkte geben aber nicht die Grundeinteilung
ab; vielmehr tun dies die »Bildformen«, die man mit Rücksicht auf
unsere Eigentümlichkeit als Grundformen der Flächenkunst (im Sinne
von Raumkunst, d. h. transformatorischer Tiefenraumkunst) unter-
scheiden kann. Der besonderen Darstellung jeder dieser Grundformen
schließt sich ein Deutungsversuch direkt an, d. h. ein Versuch, die
ästhetische Wirkung herauszustellen.

Die »Grundformen« des Bildes werden hier abgeleitet aus dem
Prinzip der Rahmung (des »Ausschnittes«), das neben oder doch nach
der »Verflachung« des dreidimensionalen Raumes, d. h. der Bannung
in das zweidimensionale Gebilde der Fläche, das Hauptprinzip der
Flächenkunst ist.

Im Hinblick auf die Rahmung stelle ich zunächst als Begriff der
Hauptgrundform den Begriff des Normalbildes auf als des zen-
trischen Bildes, das sich vom Fußpunkt der Bildachse, wenn nicht
nach allen Seiten, so doch »paarweis« nach oben-unten, rechts-links
gleich weit erstreckt, einer Bildform, wie wir sie in unserem natürlichen
Gesichtsfeld unmittelbar erleben und in jedem typischen photographi-
schen Bilde (aufgenommen bei zentrischem Lichteinfall!) vor uns haben.
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