Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 6.1911

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618 BESPRECHUNGEN.

ringste mit dem Oemüte zu tun. Der Genuß beim Bemerken aber besteht darin,
daß im Kunstwerk das Auge geführt wird und mit einer gewissen Leichtigkeit
etwas auffaßt. Kaum hat man ein Bild erblickt, so ist man schon vollkommen
darauf orientiert. Es ist also der intellektualistische Standpunkt von Wölfflin, Hilde-
brand, Cornelius, die Klarheit der Darstellung und die Leichtigkeit der Auffassung
beim Kunstwerke, Kants Zweckmäßigkeit ohne Zweck entsprechend, die sich Gors
zu eigen macht. Zugleich nimmt er auch Gelegenheit, auf Grund dieser Theorie
gegen die verschwommenen Bilder des modernen Impressionismus ausfällig zu
werden. Da diese Theorie der Kunst eine der bedeutendsten Kundgebungen ästhe-
tischer Propaganda der letzten Zeit ist, lohnt es, auch in diesem Zusammenhang
näher darauf einzugehen. Man wird Gors unbedenklich recht geben, wenn er in
der gefühlvollen Auffassung aller Kunstwerke eine oft recht alberne, meist ge-
schmacklose und auch auf die Kunstproduktion ungünstig einwirkende Ungezogen-
heit erblickt, da die wirksamen Faktoren in einem Gemälde oft ganz anderer als
gefühliger Natur sein können. Dennoch ist die Voraussetzung, von der Gors aus-
geht, falsch, daß nämlich das, was schon im Leben wertlos ist, es in der Kunst
noch mehr sein müßte. Vielmehr ist es gerade das Wesen des ästhetischen Ge-
nusses, sich aus dem Lebenszusammenhang loszulösen und wegen dieser Beziehungs-
Iosigkeit Gefühlen und Interessen Raum zu schaffen, die im Leben zwecklos und
unsinnig sind. Daß wir also auch im Kunstgenuß ekstatischer sind als in Berech-
nungen des Lebens, ist durchaus verständlich, und wenn man dies mit Gors den-
noch vom Gefühl unabhängig machen will, so kann man es so ausdrücken, daß
im ästhetischen Genuß alle Erlebnisse intensiver sind, ja sein müssen als für ge-
wöhnlich im Leben, da sie nur durch sich selbst, ohne Zwecke und äußere Anlässe
wirkungsvoll sein müssen. Sie müssen interessant sein, weil sie unnütz sind.
Zu dieser Interessantheit steht aber die Erleichterung, die die Klarheit eines
Gemäldes und die orientierende Komposition der Auffassung gewährt, eher im
Gegensatz als im Verhältnis der Unterordnung. Denn wenn auch eine solche
Führung des Auges Schwierigkeiten, die wir im Leben in den Kauf nehmen der
höheren Zwecke wegen, z. B. bei einer mikroskopischen Untersuchung, zu beseitigen
vermag, so ist doch diese Erleichterung nur ein Mittel zum Zweck, uns das posi-
tive Interessante mundgerecht zu machen. Gors verwechselt also die Nebensache
mit der Hauptsache. Gerade von seinem Standpunkt wäre nicht einzusehen, warum
etwas, das uns schon im Leben mißfällt, in der Kunst gefallen sollte, wenn es uns
da recht bequem gemacht wird, das Unangenehme aufzufassen. Wenn dennoch
gerade in der bildenden Kunst auf diesen Gesichtspunkt der bequemeren Orientie-
rung und Führung des Auges so viel Gewicht gelegt werden und das als eigent-
lich künstlerische Leistung gelten darf, so hat das seinen Grund darin, daß die
bildende Kunst als Verschönerung unserer Umgebung auch gar nicht die Aufgabe
hat, uns ästhetische Erlebnisse vorzuführen, sondern jene Ordnung und Erleichte-
rung der Orientierung ins Leben hineinzutragen, die wir als Form und Schönheit
bezeichnen. Das gilt auch von all jenen Bildern, die wie die religiösen Bilder
ethisch auf uns einwirken wollen, und wo die eigentlich künstlerische Aufgabe
darin besteht, diesen Inhalt uns möglichst schnell und sicher zu vermitteln. Darum
hat Gors recht, wenn er von den Augenblicksbetrachtungen gerade der bildenden
Kunst keine aufregenden Sensationen verspürt, weil eben die bildende Kunst am
wenigsten rein ästhetische Erlebnisse schaffen, sondern vielmehr dekorieren will.
Anderseits wird man gerade dem Impressionismus lassen müssen, daß er solche
undekorative, ästhetische Erlebnisse unabhängig von gefühlvollen Darstellungen
hauptsächlich mit Hilfe von Licht und Farben zu schaffen vermocht hat. Solange
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